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		<title>Vereinfachungen</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Oct 2011 14:04:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Theorie, die das Partnerverhalten von Frauen und Männern an eine sozial-biologische Hypothese bindet, beschwert sich mit Konzepten, die selbst wieder erklärungsbedürfig sind und jeweils ihre eigenen Theorien erfordern. Ich zitiere beliebig aus einem Online-Blog (wortgleich mit einer Wikipedia Passage), der wissenschaftliche biologistische Thesen wiedergibt: „Nach Buss und Schmitt (1993) [Sexual strategies theorie: An evolutionary [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=217&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;">Eine Theorie, die das Partnerverhalten von Frauen und Männern an eine sozial-biologische Hypothese bindet, beschwert sich mit Konzepten, die selbst wieder erklärungsbedürfig sind und jeweils ihre eigenen Theorien erfordern. Ich zitiere beliebig aus einem Online-<a title="Theorie" href="http://allesevolution.wordpress.com/2011/01/12/sexual-strategies-theory-sst/">Blog</a> (wortgleich mit einer Wikipedia Passage), der wissenschaftliche biologistische Thesen wiedergibt: „Nach Buss und Schmitt (1993) [<em>Sexual strategies theorie: An evolutionary perspective on human mating</em>. Psychological Review, 100, S. 204 - 232] entwickelten sich bei Frauen vor allem Präferenzen, die einen Mann als Ernährer und Beschützer kennzeichnen, unter anderem den sozialen Status eines Mannes und die Ressourcen, über die er verfügt. Im Vergleich zu Männern sollen sich Frauen zu Partnern hingezogen fühlen, die ein nonverbales Dominanzverhalten zeigen. Insbesondere sollen hochgewachsene Männer mit athletischem Körperbau als attraktiv gelten, wichtiger seien jedoch Merkmale, die auf Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz hinweisen (Vermögen, berufliche Position, Statussymbole). Frauen könnten aufgrund Schwangerschaft und Stillzeit schwerer Ressourcen anlegen und bevorzugen daher ältere, wohlhabendere Partner mit hohen sozialem Status, der eine Familie langfristig ernähren kann (maximale Versorgungsleistung). Männer hingegen sollen kulturübergreifend die physische Erscheinung und Attraktivität von Frauen höher einschätzen, die einen hohen Reproduktionswert und Fruchtbarkeit der Partnerin vermittelt, das heißt sie würden Frauen mit hohem reproduktivem Wert bevorzugen, da diese zeitlich befristet sei (maximales Fortpflanzungspotential). Männer würden instinktiv den reproduktiven Wert der Frauen nach dem physischen Erscheinungsbild, d. h. Körperbau, glatte Haut, glänzende Augen und nach dem Verhalten, z. B. körperliche Aktivität und Gestik bewerten.“</p>
<p style="text-align:justify;">An einer solchen Auffassung ist fast alles problematisch. Die Kernbehauptung, dass Frauen und Männer verschiedene Partnerwahlstrategien haben, die sie angesichts biologischer und sozialer Evidenzen bzw. Annahmen über das jeweils andere Geschlecht, ausführen, wird durch kleinere Hypothesen und implizite Vorannahmen gestützt. Wenn es heißt, „Frauen [entwickelten] vor allem Präferenzen, die einen Mann als Ernährer und Beschützer kennzeichnen, unter anderem den sozialen Status eines Mannes und die Ressourcen, über die er verfügt“, dann ist schon vorausgesetzt, dass Frauen den sozialen Status und die Ressourcen ermitteln können. Doch wie soll das geschehen? Was ist, wenn sie an einen Hochstapler geraten, der ihnen finanziellen Reichtum, solide Immobilien, Diplomabschluss, Sportlichkeit und auch sonst allgemeine Ernährerqualitäten vorspielt? Dass Frauen nach Indizien für den sozialen Status, vielleicht sogar nach solchen für Prestige suchen, ist in der Aussage, dass sie ihre Präferenzen danach ausrichten, schon vorausgesetzt. Diese Voraussetzung stellt jedoch eine Vereinfachung dar; sie ist durch nichts begründet.</p>
<p style="text-align:justify;">Wenn es heißt, „im Vergleich zu Männern sollen sich Frauen zu Partnern hingezogen fühlen, die ein nonverbales Dominanzverhalten zeigen“, dann wird nicht gesagt, worin dieses besteht, wie es von der Frau wahrgenommen wird, wie es sich von der männlichen Aggressivität unterscheidet, bei der man davon ausgehen müsste, dass die Frau sie meidet. Es ist auch die Frage, wen der Mann dominiert (die Frau?, seine Arbeitskollegen?) und wie das geschieht. Überdies ist die Frage, ob in einer kommunikativen Gesellschaft gerade nonverbales Dominanzverhalten nicht als suspekt angesehen wird und der schweigende Mann, der ohne Worte andere dominiert, nicht eher ein schizotymer Fall für den Psychiater ist.</p>
<p style="text-align:justify;">Neben der These, dass für die Partnerwahl der Frau der soziale Status des Mannes von Bedeutung sei (obwohl sich täglich Frauen mit armen Männern verbinden), trumpft der Text anschließend mit biologischen Erklärungsversuchen auf: „Insbesondere sollen hochgewachsene Männer mit athletischem Körperbau als attraktiv gelten, wichtiger seien jedoch Merkmale, die auf Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz hinweisen (Vermögen, berufliche Position, Statussymbole).“ Nicht nur, dass Attraktivität ein soziales und wandelbares Konstrukt ist, auch Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz sind es. Sie sind dazu noch eingebettet in eine soziale Umgebung – Reife ist etwas anderes unter Abiturienten als in einem Altherrenclub und Intelligenz etwas anderes unter Politikern als unter Teilchenphysikern, Kriminellen, Sozialarbeitern oder Angehörigen einer freien Community.</p>
<p style="text-align:justify;">Wie so oft fungieren dann auch Schwangerschaft und Stillzeit der Frau als Erklärungsgrößen bei der Darstellung der langfristigen Bindungsstrategien von Frauen, obwohl sie selbst jeweils erklärungsbedürftig sind, da die soziale Rolle der als &#8216;biologische Konstanten&#8217; angesehenen Gestation und Laktation sehr unterschiedlich ist. Es heißt im Text: „Frauen könnten aufgrund Schwangerschaft und Stillzeit schwerer Ressourcen anlegen und bevorzugen daher ältere, wohlhabendere Partner mit hohen sozialem Status, der eine Familie langfristig ernähren kann (maximale Versorgungsleistung).“ Wenn man nicht sagt, um welche Ressourcen es sich handeln soll, dann ist der Satz selbstverständlich so vage, dass er nichts aussagt. Heißt das, Frauen können angesichts der Ausfallzeit (doch ist sie das wirklich?) keine materiellen oder immateriellen Güter anlegen? Heißt das, sie können sich während der Kindesversorgung nicht stärken, ihre Reproduktionskraft nicht erhöhen, nicht selbst materielle Sicherheit für sich und das Kind schaffen? Das ist völlig unklar. Schwangerschaft und Stillzeit werden unter dieser (ökonomischen) Sichtweise als solche entwertet. Man sagt gar nicht, dass die Frau ja gerade eine Ressource schafft, indem sie das Kind austrägt und ernährt, dass sie vielleicht doch ihre Widerstandskraft stärkt, dass sie die Zeit der Versorgung nicht als ausgefallene Zeit ansieht. Man stellt lediglich ihre Abhängigkeit während dieser Phase fest und demzufolge ein Schutzinteresse, das in einer spezifischen Partnerwahl resultiert. Aber Abhängigkeit ist immer relativ; dass die Frau von einem männlichen Partner ausgehalten werden muss soll nur legitimieren, dass sie in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung verharrt, während es so unterschiedliche Sexual-, Lebens- und Versorgungsgemeinschaften gibt, die das bürgerliche Paradigma von Ehe und Familie sprengen. Die ökonomisch-biologische Betrachtung ist selbst borniert.</p>
<p style="text-align:justify;">Doch gerade in einer ökonomischen Betrachtung, die nicht borniert wäre, könnte man sehen, dass das Kind auch eine Investition ist. Das ökonomische Denken sieht nur die Investition ist das Kind, die die Mutter als Primärperson leisten muss, die aber der Vater durch seine Kraft und Ernährerfunktion (wenn nicht sogar durch seine &#8216;nonverbale Dominanz&#8217;) unterstützt. Dass es eine Frauengemeinschaft sein kann, die die Mutter unterstützt, oder dass es eben andere Männer sind, die für die Frau diejenigen Ressourcen beibringen, die sie angeblich aus Verhinderung nicht selbst anhäufen kann, wird gar nicht in Erwägung gezogen. Alles verharrt in einem bürgerlichen Modell von Sozialbeziehungen – und auch in Fantasien des Vorgesellschaftlichen, wo die Frau häuslich-sesshaft ist, der Mann aber ein promiskuitiver Nomade, den die Frau binden muss (was selbstverständlich nichts weiter als ein bürgerlicher Sexismus ist).</p>
<p style="text-align:justify;">Dann heißt es im Text weiter: „Männer hingegen sollen kulturübergreifend die physische Erscheinung und Attraktivität von Frauen höher einschätzen, die einen hohen Reproduktionswert und Fruchtbarkeit der Partnerin vermittelt, das heißt sie würden Frauen mit hohem reproduktivem Wert bevorzugen, da diese zeitlich befristet sei (maximales Fortpflanzungspotential).“ Attraktivität ist jedoch keine starre Größe und der ständige Versuch, sie an objektive körperliche Merkmale zu binden, tilgt nicht ihre subjektive Seite. Was attraktiv ist ist auch Sache der Mode, des individuellen Geschmacks. Kulturübergreifend kann der Wunsch der Männer nach attraktiven, &#8216;gebärfreudigen&#8217; Frauen schon deshalb sein, weil er individuell ist und deshalb in vielen Facetten auftritt, die sich nicht als einer Kultur zugehörig beschreiben lassen. Doch das heißt nicht, dass diese kulturübergreifend wären, wie das von anthropologischen Konstanten behauptet wird.</p>
<p style="text-align:justify;">Ganz merkwürdig wird der Text jedoch, wenn es heißt: „Männer würden instinktiv den reproduktiven Wert der Frauen nach dem physischen Erscheinungsbild, d. h. Körperbau, glatte Haut, glänzende Augen und nach dem Verhalten, z. B. körperliche Aktivität und Gestik bewerten.“ Der Instinkt als etwas Natürliches wird als Erklärung innerhalb einer biologischen These eingeführt, was dasselbe ist, als würde man in einer Theorie über Evaporation davon sprechen, dass in diesem Prozess Wärme eine wichtige Rolle spielt. Doch der Instinkt ist etwas, wovon wir wenig wissen. Er ist keine Erklärungsgröße, sondern er ist selbst eine große Unbekannte. Instinkt beschreibt einfach einen Antrieb; wir wollten doch aber wissen, was die Partnerwahl von Frauen und Männern antreibt, wie sie motiviert wird und wie bestimmte Partner-Entscheidungen zustande kommen. Im Text suggeriert das Wort &#8216;instinktiv&#8217; einen Automatismus, eine epistemologische Fähigkeit der Männer, gewisse Evidenzen hinsichtlich des reproduktiven Wertes der Frauen nach ihrem „physischen Erscheinungsbild“ zu erlangen. Dabei ist völlig unklar, was ein &#8216;reproduktiver Wert&#8217; überhaupt sein soll. Das Wort Wert setzt eine Messskala voraus, innerhalb der der Wert signifikant wird. Eine solche Skala wurde aber nicht eingeführt, nicht einmal in der einfachen Weise, dass man die durchschnittliche Geburtenrate einer Gesellschaft auf eine Frau umrechnet.</p>
<p style="text-align:justify;">Man sieht, dass der Text eine Hauptthese enthält und dass diese anhand nicht weiter explizierter Annahmen gestützt wird. Diese Annahmen werden dem Leser geboten als etwas, was schon klar ist. Sprachlich vermittelt der Text Kompetenzen, indem er Worte wie &#8216;Wert&#8217;, &#8216;nonverbales Dominanzverhalten&#8217; und &#8216;Ressource&#8217; verwendet – Worte, die gewichtig daher kommen und die ihre Faszination vom jeweiligen Wissensgebiet erhalten, denen sie entstammen. Geht man inhaltlich auf den Text ein, so wird man den einfachsten Thesen seine Skepsis entgegen bringen müssen. Hier bietet sich die These an, dass Männer die reproduktiven Leistungen einer Frau an ihrem äußeren, physischen Erscheinungsbild erkennen und hinsichtlich ihrer eigenen reproduktiven Zielvorgabe bewerten können. (Dass sich Menschen fortpflanzen wollen scheint als Generalthese über dem ganzen Text zu schweben, wo es doch viele Menschen gibt, die dies nicht wollen.) Ein Mann, der eine Frau betrachtet, und von ihrem Äußeren auf ihr Inneres, von ihren physischen Merkmalen auf ihre Reproduktionsleistung schließen soll, wird sich den üblichen semiologischen Problemen gegenüber sehen, die eintreten, wenn man etwas Unsichtbares von etwas Sichtbaren ablesen will. Wie wird der Mann entdecken, dass der Eileiter der Frau, die er angesichts äußerer Attraktivitätsmerkmale (wie üblicherweise ausgeprägte Wangenknochen, breites Becken etc.) bevorzugt, durch eine Infektion von Chlamydien verklebt und daher dysfunktional geworden ist? Wie soll er überhaupt etwas aussagen können über eine zukünftige Reproduktionsleistung angesichts äußerer Merkmale, die Moden unterliegen, über die man durch Manipulation hinwegtäuschen kann und für die gilt, dass sie nie zuverlässig auf etwas anderes verweisen? Andererseits warum sollten ihm solche Merkmale wichtig erscheinen, wenn er eine Partnerin für sexuelle Begegnungen sucht, bei denen es nicht auf Reproduktion ankommt? Denn unter der Generalthese der strategischen Partnerwahl angesichts des Fortpflanzungstriebs beider Geschlechter werden noch weitere Dimension menschlichen Verhaltens ausgespart. Was ist mit den gewollten Lücken in einer Reproduktionsbiografie? Was ist mit solchem Werbungsverhalten, das auf den sexuellen Genuss ohne kurz- oder langfristige Partnerschaft abzielt? Was ist mit der Lust am Sex bzw. dem Sex als Lifestyle-Vergnügen, der Attraktivitätsmerkmale, sozialer Status oder gar Ressourcen des Partners gar nicht in den Blick nehmen muss? Denn der Fortpflanzungstrieb, wenn es ihn denn geben sollte, kann von Individuen derart instrumentalisiert werden, dass sie ihrer individuellen Lust und nicht dem reproduktiven Kollektiv gilt. Das ist etwas, was wir jeden Tag erleben, während ein strategisches Partnerverhalten nicht sichtbar ist.</p>
<p style="text-align:justify;">Aus diesem Grund soll die strategische Partnerwahl ein unbewusstes Kalkül sein. Aber ein Kalkül setzt eben Berechnungsweisen und diese solide Informationen voraus. Informationstheoretisch und ökonomisch kann man zwar Modelle erstellen, die einige Strategien der Partnerwahl vorstellen, aber diese Strategien sind mit so vielen Annahmen verbunden, dass die Erklärungsmodelle holzschnittartig bleiben. Denn wenn es wahr sein soll, dass Männer und Frauen gegenseitig den reproduktiven Wert beim Anblick des potentiellen Partners ermitteln können, so setzt das eine Theorie des Erkennens und Verrechnens der Werte voraus. Und das setzt voraus, dass man erklärt, wie man körperliche Merkmale als Indizes behandeln kann, die dann weitgehend solide Aussagen über zukünftiges Fortpflanzungspotential ermöglichen. Angefangen werden muss aber bei den kleinsten Bestandteilen der Theorie: Was ist Attraktivität? Was ist ein Reproduktionswert und welche Skala setzt er voraus? Welche Zeit meint man, wenn man der schwangeren Frau einen Ausfall bescheinigt? In welchem sozialen Gefüge findet die Schwangerschaft statt? Was ist eine Ressource und welchem Verteilungsparadigma von Ressourcen folgt man? Aber auch ganze Zusammenhänge, die solche biologistischen Partnerwahltheorien vermitteln, sind unklar: Wie lässt sich ein körperliches Merkmal, etwa der notorische &#8216;markante Wangenknochen&#8217; eines weiblichen Gesichts, in Zusammenhang setzen einerseits mit Attraktivitätsattribuierung, andererseits mit der vermeintlichen Gebärpotenz? Wie also sieht sein Charakter als Zeichen, als Indiz für zukünftige Reproduktion aus? Welchen Sinn hat diese in einer modernen Gesellschaft, in der die Reproduktion nur eine Möglichkeit ist neben anderen Formen des sexuellen Genusses? Man wird einwenden, die zahlreichen Annahmen über weibliche und männliche Partnerstrategien seien empirisch geprüft. Das mag sein, doch kommt es hier auf die verkürzte Darstellung an, die ein breiteres Publikum findet als die elaborierten wissenschaftlichen Darstellungen.</p>
<p style="text-align:justify;">Dann aber geht es auch um die Rahmenannahmen der Wissenschaftler selbst, die auf schon Vereinfachtes zurückgreifen oder sogar auf Vorurteile, wie etwa den Vorrang heterosexueller Partnerschaften nicht nur bei der unabdingbaren heterosexuellen Fortpflanzung, sondern auch bei der Versorgung. Eine mögliche Variabilität der Sozialbeziehungen wird gar nicht in den Blick genommen: Wenn Partner einander die jeweils gesunden Individuen wählen heißt das nicht zwangsläufig, dass der männliche Part zugleich die Versorgungsleistung erbringen muss. Das kann auch eine Gemeinschaft leisten, die ganz anderes zusammengesetzt ist als aus bloß heterosexuellen Partnerschaften und Familien, also die beiden zentralen reproduktiven Nuklide einer bürgerlichen Gesellschaft. Worauf es hier ankommt ist die implizite Annahme, dass unsere Gesellschaft in reproduktiver Hinsicht die beste aller möglichen Gesellschaften ist.</p>
<p style="text-align:justify;">Die im Text am häufigsten vorkommende Vereinfachung ist das Unaufgelöstlassen zentraler Begriffe. Der Begriff Ressource kann tatsächlich alles bedeuten – materielle und immaterielle Güter, Ressourcen an Kraft, Zeit, geistigen Potentialen, Gesundheit etc. Es ist klar, dass der Besitz solcher Ressourcen jedem attraktiv erscheinen muss, nicht nur zwischen den Geschlechtern. Doch führt man den Begriff der Attraktivität auch hinsichtlich der Körpermerkmale ein, die allgemein als schön gelten, dann hat das Wort Attraktivität plötzlich schon einen doppelten Sinn, es ist nicht mehr präzise. Der Gedanke, ein attraktiver und wohlhabender Mann wecke im Unterschied zu einem Loser das Interesse von Frauen, hat etwas evidentes, dennoch ist diese Annahme falsch, denn es kommen weitere individuelle und situative Parameter hinzu. Auch den Unterschied zwischen Ressourcen-Armut und Ressourcen-Reichtum bei verschiedener Attraktivität der beiden Männer festzustellen, um eine Wahl zu treffen, dürfte schwierig sein angesichts der vielen Informationen, die es dazu bedarf. Der Text spart diese Schwierigkeiten aus und nutzt vielmehr ein verbreitetes Verständnis von Attraktivität. Er tut so, als sprächen die Begriffe für sich.</p>
<p align="JUSTIFY">
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		<title>Psychopath des Feuilleton</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 17:41:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Die ersten Reaktionen auf das Doppelattentat von Anders Behring Breivik und auf seine Erklärungen haben eine ganze Welle von feuilletonistischen Mutmaßungen über seinen Geisteszustand, über einen mutmaßlichen Wahnsinn, über eine mögliche Psychopathie ausgelöst, wobei eigentlich klar ist, dass sich jede Spekulation aus der Ferne erübrigt, auch wenn man, wie einige Schnellberufene, auf wissenschaftliche Kriterien der [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=209&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Die ersten Reaktionen auf das Doppelattentat von Anders Behring Breivik und auf seine Erklärungen haben eine ganze Welle von feuilletonistischen Mutmaßungen über seinen Geisteszustand, über einen mutmaßlichen Wahnsinn, über eine mögliche Psychopathie ausgelöst, wobei eigentlich klar ist, dass sich jede Spekulation aus der Ferne erübrigt, auch wenn man, wie einige Schnellberufene, auf wissenschaftliche Kriterien der Psychopathie rekurriert.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Die besondere Schwierigkeit einer solchen Einordnung liegt eigentlich darin, dass nicht nur Laienurteil und wissenschaftliche Analyse vermengt werden, dass nicht nur kulturelle Konzepte über Wahnsinn, sondern auch wissenschaftlich purifizierte und über alle Kritik erhabene Kriterien miteinander verquirlt werden, insbesondere solche, die uns das DSM und die ICD an die Hand geben oder an die Hand zu geben scheinen. Zunächst einmal waren es die ersten Einordnungen, die sich aus allgemeinen Konzepten des Psychopathischen nährten; so sprach die norwegische Polizei über Breivik von einem &#8216;blonden Mann mit eiskalten blauen Augen&#8217;. Auch Breiviks Anwalt kam nach der ersten Anhörung seines Mandaten zu dem Schluss, Breivik sei offensichtlich &#8216;geisteskrank&#8217;, weil das, was er sagte, für ihn unverständlich sei. Diejenigen, die sich Breiviks Manifest zu Gemüte führten, tappten in das Dilemma, Breivik für psychopathisch oder aber für bloß ideologisch oder aber sogar für rational zu halten. Das diskutierte auch Markus C. Schulte von Drach in einem Beitrag in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> (<a title="von Drach" href="http://www.sueddeutsche.de/wissen/anders-behring-breivik-ideologie-und-wahnsinn-1.1125103-2"><em>Ideologie und Wahnsinn</em></a> vom 27. 7. 2011), der zunächst einmal eine ganze Reihe von Attentätern und Mördern unterschiedslos als geistesgestörte Gewalttäter aufzählt. Alle hätten solche psychische Beeinträchtigungen, dass sie wohl als in ihrer Persönlichkeit gestört bezeichnet werden könnten. Eine solche Pauschalisierung führt von Drach dann zur Betrachtung von Kriterien zur Psychopathie im DSM und in der ICD und er führt auch Kriterien von Robert D. Hares Psychopathie-Checkliste selektiv vor, wobei er das Gewicht, wie könnte es anders sein, auf den Narzissmus mit dem wichtigen Kriterium der mangelnden Empathie legt. Am Ende des feuilletonistischen Aufwands bleibt von Drach unentschieden: „Alle diese Hinweise auf die Persönlichkeit des Anders Behring Breivik werden die Experten zu deuten wissen. Ihn einfach als Psychopathen zu bezeichnen, als Verrückten oder Verwirrten, ist aber genauso falsch wie davon auszugehen, dass jemand, der so planvoll vorgeht, nicht gestört sein kann.“ Damit ist aber nun mal gar nichts gesagt. Der Hinweis auf bloße „Hinweise“ rechtfertigt keinen ausgiebigen Artikel.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Die Psychopathie steht hoch im Kurs, vor allem dann, wenn es darum geht, normwidrige und vor allem brutale Handlungen einzuordnen. Wir werden fast täglich bewegt von Amokläufen, Attentaten, Sexualverbrechen und Familientragödien und da bleibt es nicht aus, dass man einfache und schnelle Antworten auf die (ebenfalls einfache) Warum-Frage gibt. Doch in jedem Gewalttäter steckt ein individuelles Muster, kein generelles Schema. Wir sind, wenn es um Einordnungen und Erklärungen geht, klassifikationshörig; wir glauben an das DSM und an die ICD wie an Orakel.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><a name="F60.2"></a>V<span style="font-size:small;">on Drach versucht dann auch Hares Kriterien der Psychopathie, von denen er einige nach der Psychopathie-Checkliste (PCL) wiedergibt, auf Breivik zu projizieren: Er nennt Gefühlsarmut, Unfähigkeit zu Schuldgefühlen, Verantwortungslosigkeit, Egozentrik, mangelnde Empathie und Unfähigkeit zur Planung als einige Verhaltensweisen, die für Psychopathen typisch sein sollen. Da Planungsfähigkeit bei Breivik offenbar durchaus vorhanden war, modelt von Drach die Psychopathie um in eine Soziopathie, von der er sagt, sie sei „eine besondere Form“ der Psychopathie, wobei es sich in der Literatur offenbar nicht einfach so verhält: Die Psychopathie gehört dem großen Komplex der Persönlichkeitsstörungen an. Eine Dimension der Psychopathie ist (neben spezifischen Persönlichkeitszügen) das antisoziale Verhalten, das die ICD-10 als dissoziale Persönlichkeitsstörung und das DSM-IV als antisoziale Persönlichkeitsstörung klassifizieren, wobei freilich F60.2 der ICD „psychopathisch“ und „soziopathisch“ als Störung gleichwertig auflistet. Soziopathie wird dort also nicht als besondere Form der Psychopathie gesehen, sondern als Spezifizierung des Dissozialen. Hinzu kommt, dass Narzissmus in der ICD als Untermerkmal der Persönlichkeitsstörungen (ab F60) aufgelistet wird (dort als F60.8) und im DSM unter der Achse II mit mindestens einem Kriterium präsentiert wird, das sich auch für die antisoziale Persönlichkeitsstörung findet: mangelnde Empathie. Andere Kriterien, die DSM, ICD und das Bild des Narzissmus gemeinsam haben und die nur auf Formulierungsebene verschieden erscheinen, wie etwa &#8216;V<span style="font-family:Times New Roman,serif;">erantwortungslosigkeit&#8217; (DSM), &#8216;mangelndes Schulderleben&#8217; (ICD) und &#8216;</span><span style="font-family:Times New Roman,serif;">Failure to accept responsibility for own actions &#8216; (PCL für den aggressiven Narzissmus) zeigen, dass manche Kriterien (auf tieferer, sachlicher Ebene) </span><span style="font-family:Times New Roman,serif;">wie Kraut und Rüben durcheinander gehen. Doch vor allem: </span><span style="font-family:Times New Roman,serif;"><em>Empathielosigkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal.</em></span><span style="font-family:Times New Roman,serif;"> Der Mangel an Empa</span>thie ist allen drei Klassifikationen gemeinsam. Aber auch auf begrifflicher Ebene sind die eigentlichen, sachlichen Unterschiede nur pseudogenau: Letztlich sind solche Ausdrücke wie antisoziale und dissoziale Persönlichkeitsstörung, Psychopathie und Soziopathie Verlegenheitsformulierungen, denn sie versuchen lediglich die Art und Weise sowie die Ausprägung von unerwünschten Verhalten zu beschreiben. Bei einem solchen Wust von Formulierungen, die die Phänomene jeweils nur teilweise erhaschen, ist es ein Leichtes, einen Täter überhaupt zu klassifizieren. Und es ist auch ein Leichtes, Täter, die kein Mitleid mit ihren Opfern zeigen, diagnostisch über einen Kamm zu scheren, wobei übrigens Mitleidlosigkeit bei jeder Tatausführung als notwendige Bedingung der Tat konzediert werden muss.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Negative Persönlichkeitsmerkmale und insbesondere Persönlichkeitsstörungen sollen nicht nur die Tat verständlich machen, sie sollen nicht nur die Schuldfähigkeit des Täters klären, sondern sie sollen auch geeignete Prognoseindizes sein, da man daran interessiert ist zu erfahren, ob weitere Straftaten vom Täter zu erwarten sind. Da sich situative Merkmale verflüchtigen, etwa starke Affekte, situative Zwänge etc., ist es einfacher, auf die Persönlichkeit abzustellen, die als etwas Stabiles gilt. Der Trick besteht darin, insbesondere die Störungen als überdauernd zu beschreiben. (Das hat eine gewisse Logik, wenn die Persönlichkeit als das stabile Substrat für die accedierte Störung, deren negativer Teil sie wird, angesehen wird.)</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Bei Breivik geht es nunmehr darum, eine solche Einordnung zu vollziehen, die allem Rechnung trägt: Seiner brutalen Tatausführung, seiner logistischen Finesse, seinem Manifest, das eine komplexe Ideologie darstellt, seiner Selbstbeschreibung, seiner Biographie und den Straf- und Erklärungsbedürfnissen der Öffentlichkeit. Es zeichnet sich aber jetzt schon ab, dass man Breivik als Psychopathen ansieht; dies scheint auch die gegenwärtige Strategie der Verteidigung zu sein. Zwar legt sich von Drach nicht fest, aber alles scheint für ihn darauf hinzudeuten, dass man Breivik eine gestörte Persönlichkeit attestiert, weil nur so sein Verbrechen mit der Rationalität seiner Planung und diese mit der offenkundigen Mitleidlosigkeit in Einklang zu bringen ist.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Es ist aber schade, dass gerade der mangelnden Empathie eine Vorrangstellung in solchen Fällen gewährt wird, die sich durch besondere Rücksichtslosigkeit und besondere Schwere der Tatausführung auszeichnen. Ersteinmal wird Empathie regelmäßig verletzt bzw. überwunden oder als soziale Kompetenz ausgeblendet werden, wenn jemand gewillt ist, ein Verbrechen zu begehen, sei es ein Handtaschenraub oder ein Massenmord. Zweitens hängt Empathie, insbesondere weil es sich ja um einen <em>sozialen Sensus</em> handelt, von der Nähe des Gegenübers ab, kann also bei solchen Tatausführungen, wo es nicht auf soziale Nähe oder gar auf die tiefere affektive Bindung zum Opfer ankommt, regelmäßig inaktiv sein.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Empathie ist als Kriterium in den Klassifikationen aus verschiedenen Gründen problematisch: Erstens handelt es sich um eine soziale Kompetenz, die, wie oben gesagt, abhängig ist von der Nähe und Ferne des Gegenübers, die also individuell absolut ist, im Sozialen aber durchaus funktionale Züge trägt. Das heißt, man kann sie als individuelle Fähigkeit und Fertigkeit verlangen, aber nicht, dass jemand sie sozialfunktional immer ausgestaltet. Zweitens verbindet sich das wissenschaftliche Kriterium der mangelnden Empathie mit dem kulturellen Topos der Kaltblütigkeit; es wird also sozusagen auch für Laien vermittelbar und ist immer über eine gewisse Art der Stereotypisierung verständlich. Drittens aber ist Empathie schwer messbar; man kann sie in Normalsituationen und insbesondere im Vergleich mit Extremsituationen kaum hinreichend klar beschreiben.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Ein ganzer Wissenschaftszweig hat sich um das Feld der Empathie herausgebildet. Dabei wäre es doch auch eine interessante wissenschaftliche Frage, ob es bei Ausführungen von Straftaten überhaupt um mangelnde Empathie geht oder nicht vielmehr um eine Überwindung der eigenen Angst, etwa um einen Umgang mit akut auftretendem Adrenalin oder anderer hemmender Einflüsse. Aber Mangel an Empathie hebelt schon auf konzeptioneller Ebene dieses Problem einer Überwindung der eigenen Hemmungen (insbesondere der Tötungshemmungen) aus. Das Konzept verlangt nur einen Mangel, nicht eine Zusatzkompetenz, um die vorhandene Sozialkompetenz (Empathie) auszuhebeln. (Wissenschaft ist hier elegant-reduktionistisch.) Empathie als soziale Kompetenz ist insofern auch Gegenstand der Wissenschaft, als dass sie sich wunderbar auf Physiologisches reduzieren lässt (was die Debatte um Spiegelneuronen veranschaulicht).</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Doch alle Wissenschaft täuscht nicht darüber hinweg, dass es bei der Empathie nur um die Forderung geht, dass man eben strafbewehrte, normwidrige und asoziale Handlungen unterlässt. Funktionierende Empathie soll so etwas wie eine Garantie für norm- und sozialadäquates Verhalten sein. Aber hier steht die Psychologie, insbesondere die Forensik, nicht auf rationalem Boden. Denn wenn es einfach darum geht, Menschen, insbesondere Straftätern in der Therapie, zu vermitteln, dass sie normwidriges Verhalten unterlassen sollen, so ist das Erlernen und Einstudieren von Empathie nur ein sekundäres, allenfalls die Normeinstellung vermittelndes Ziel. Krass gesagt: Empathie ist transitiv und daher redundant. Es wäre auch allen Psychologen dieser Welt egal, wenn Breivik ein narzisstisches Arschloch, ein im sozialen Sinn unumgänglicher Mensch gewesen wäre: Hauptsache, er hätte kein solches Attentat begangen. Nun aber wird seine Psyche zum Rätsel und die kaltblütige Planung sowie die mangelnde Empathie sollen der Schlüssel sein zur Erklärung seiner Tat. Doch man muss die Vorstellung von Empathie einfach auf eine rationale Grundlage stellen: Empathie ist nicht einfach etwas, was dem Mensch gegeben oder nicht gegeben ist, wie etwa Berichte über Mütter behaupten, die ihre Kinder töten und in Blumentöpfen verscharren. Um etwas über die Empathiefähigkeit beim Einzelnen auszusagen, muss man sich erst einmal die Vielfalt an funktionaler Empathie (potentieller wie praktizierter) vergegenwärtigen: An anderer Stelle habe ich schon von Militärs gesprochen, von denen man einfach erwartet, dass sie kein Mitleid mit dem Gegner zeigen, dass sie sich in einen anderen Menschen eben nicht einfühlen. Funktionale Empathie gibt es aber auch im zivilen Bereich, man denke an den Richter, der fair und unparteiisch sein muss, und der nicht richten könnte, würde er Mitleid mit dem Angeklagten haben, der allein schon für sein Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt werden muss. Oder man denke an Pfleger und Ärzte, die ihre Arbeit nicht tun könnten, würden sie stets mit ihren Patienten mitleiden, oder an die affektive Bindung von Staatsanwälten, Finanziers und Politiker, die ihre Gefühle offenkundig nach Ansprüchen von Nähe und Distanz entwickeln. (Und man denke zuletzt auch an den Forensiker selbst, der keine große Empathie für den vor ihn sitzenden Sexualmörder haben darf, ohne auf seine Professionalität zu verzichten.)</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Empathie – das Konzept drückt eine gewisse Romantik aus. Es ist ein Konzept, das sich schnell als überflüssig erweist, wenn man es auf eine rationale Basis stellt, etwa auf die von Menschen geforderte Reziprozität von moralischen und sozialen Einstellungen. Empathie ist nur <em>ein</em> Gefühl im komplexen affektiven Haushalt des Menschen. Als solches geht es funktional in einen Komplex von Gefühlen ein, von denen man glaubt, dass sie die rationalen Forderungen, nicht schlecht behandelt oder gar verletzt zu werden unterstützen. Es ist aber klar, dass man Tätern, die man einseitig, nämlich als kalt beschreibt, eine solche Gefühlskomplexität von vorne herein abspricht. Damit ist letztlich nichts gewonnen. Es bleibt tatsächlich nichts anderes, als Breiviks Tat anhand seiner Gedanken zu verstehen und nachzuvollziehen, genauer genommen anhand des Tat-Gedanken-Konstruktes, denn sein Doppelattentat verweist auf seine politisch-ideologischen Ansichten. Diese können auch klar machen, dass ideologisches, politisches und normales Denken konvergieren. Dies zu erkennen, darin besteht auch eigentlich keine Gefahr. Politisches Denken wird jeher einfach in erwünschtes und unerwünschtes Denken unterteilt, womit freilich ein besonderer <em>Legitimationsdruck</em> für das demokratische Denken entsteht. Breivik ist in erster Linie ein politischer Täter, auch wenn die Gewöhnung an diesen Gedanken schwer fällt. Sein politisches Denken kommt in einem ideologischen Gewand daher und seine Tat in einem psychopathologischen. Es ist aber klar, dass man es sich zu einfach macht, wenn man Breivik einfach als Psychopathen abstempelt. Denn dann hätte er uns nichts mehr zu sagen. Als politisch Denkender muss man sich mit seinen Ansichten konfrontieren und man muss seine eigenen freiheitlichen Überzeugungen rechtfertigen. Das ist übrigens eine weitere Chance für unsere offene Gesellschaft.</span></p>
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		<title>Der DSM im TÜV</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jul 2011 12:46:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Gegenwärtig arbeitet die American Psychiatric Association (APA) an einer grundlegend revidierten Fassung des derzeit gültigen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM IV), also dem Klassifikationssystem zur Diagnostik von psychiatrischen Erkrankungen. Diese revidierte Fassung soll 2013 als DSM 5 veröffentlicht werden. In den deutschen Medien gibt es darüber nur spärliche Informationen. Innerhalb der beabsichtigten [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=205&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY">Gegenwärtig arbeitet die American Psychiatric Association (APA) an einer grundlegend revidierten Fassung des derzeit gültigen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM IV), also dem Klassifikationssystem zur Diagnostik von psychiatrischen Erkrankungen. Diese revidierte Fassung soll 2013 als DSM 5 veröffentlicht werden. In den deutschen Medien gibt es darüber nur spärliche Informationen.</p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY">Innerhalb der <span style="font-size:small;">beabsichtigten Revision des DSM ist vor allem die Neustrukturierung der Achse 2 zu beachten, denn nach Aussagen der APA werden die Persönlichkeitsstörungen zusammengefasst, um die klinische Arbeit zu erleichtern. So entfallen die Kriterien der narzisstischen und der schizoiden Persönlichkeitsstörung, während die Borderline-Persönlichkeitsstörung beibehalten wird. Grund für diese Vorgehensweise ist die relativ geringe Diagnostizierung dieser beiden Persönlichkeitsstörungen im Unterschied zur Borderlinestörung, die, folgt man Kritikern, sogar inflationär diagnostiziert wird.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Selbstverständlich wird man nicht annehmen können, dass die narzisstische und die schizoide Persönlichkeitsstörung ganz entfallen; sie werden vielmehr in Subdimensionen verbannt, erstens weil man mit der Etablierung der dysfunktionalen Persönlichkeitsstörung an der prinzipiellen Unterscheidung zwischen gesunder und gestörter Persönlichkeit festhalten will, zweitens natürlich weil man die diesen Persönlichkeitsstörungen zu Grunde liegenden Phänomene weiterhin erfassen möchte. Doch kommen diese Krankheitsbilder fast nie in eindeutiger Ausprägung vor, so dass eine Neustrukturierung angemessen schien.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><a name="firstHeading5"></a> <span style="font-size:small;">Mit Blick auf die kontroverse Vergangenheit des DSM muss man sich vergegenwärtigen, wie die Aufnahme der Krankheitsbilder bzw. ihr Ausschluss sich vollzieht. Prominentestes Beispiel ist die Homosexualität, die erst durch Betreiben des US-amerikanischen Psychiaters Robert L. Spitzer in der dritten Version des DSM eliminiert wurde. Das zeigt die grundsätzliche Flexibilität des DSM angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnis und neuerer gesellschaftlicher Wirklichkeiten. Doch nun kommen mit der Revision der Achse 2 auch althergebrachte Überzeugungen auf den Prüfstand, denn die Diagnose der schizoiden und narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist im klinischen und vor allem im forensischen Alltag fest verankert. Viele Straftäter erhalten die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung, insbesondere die der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Zunächst einmal sagt die Revision des DSM etwas aus über die Gültigkeit der revidierten Kriterien, die als bisher maßgeblich nun als inkompatibel ausrangiert werden. Man fragt sich, wie angemessen sie vorher waren. Die Revision sagt aber auch etwas über die Gültigkeit der verbleibenden Kriterien aus. Denn welchen Status besitzt nun die im DSM 5 verbleibende Borderlinestörung? Sicher, man wird nicht von ihrem Inhalt abstrahieren wollen; die Diagnose der Borderlinestörung bezieht sich auf klinische Phänomene: Die Beeinträchtigung des Selbstbildes und des Beziehungsverhaltens, die anhand von fünf gültigen Kriterien erhoben wird, ist eine durch das Klassifikationssystem adäquat beschriebene Tatsache. Man wird sagen, jede Klasse von Krankheiten bezieht sich auf ebensolche phänomenale Aspekte der Wirklichkeit. Dennoch wird man sich auch fragen müssen, was es heißt, wenn Klassifikationen, die vorher auf Phänomene Bezug nahmen, heute geändert werden, wo man doch nicht davon ausgehen kann, dass sich die Phänomene ändern. Es bestätigt, dass die Klassifikation nicht nur geändert wird, wenn es Indizien gibt, dass sie die Phänomene nur undeutlich oder falsch abbilden. Es zeigt auch, dass wir Wirklichkeit über diese Kriterien wahrnehmen; und wenn es eben eine veränderte Klassifikation für Narzissmus gibt, dann wird der Narzissmus auch anders wahrgenommen werden. Das heißt aber auch, dass frühere Diagnosen des DSM heutigen Sichtweisen nicht mehr entsprechen; es heißt, dass wir eine damalige Wirklichkeit über den Haufen werfen und sie, wenn auch nicht gänzlich falsch, so doch nicht mehr mit klarer Übereinstimmung und Richtigkeit sehen.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Ein Vergleich mit der Evolution wissenschaftlicher Theorien drängt sich auf. Wissenschaftliche Theorien versuchen Phänomene zu beschreiben und Vorhersagen über die Wirklichkeit zu treffen, insbesondere dann, wenn sie experimentell bestätigt wurden. Eine Revision der Theorie kommt entweder zu Stande, wenn neue, bisher nicht erklärbare Phänomene auftreten und die Theorie sozusagen agnostisch wird. Oder sie muss verworfen werden, wenn theorieimmanente Parameter in Widerspruch zueinander geraten; wenn also die Konsistenz der Theorie selbst in Frage steht. Bei der Revision des DSM glaubt man vor allem, die Klassifikation einiger Kriterien der Achse 2 träfe nicht mehr die Wirklichkeit zu, weil schizoide und narzisstische Persönlichkeitsstörungen relativ selten und dann oft uneindeutig diagnostiziert werden. Nun aber bringt die Revision dieser Achse auch eine Inkonsistenz der ganzen Anlage mit sich: Welche Berechtigung gibt es, bisherige Merkmale der schizoiden und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung neu zu tarieren, die bisherigen der Borderlinestörung, die ohnehin als Allerweltsdiagnose gilt, aber beizubehalten? Wenn viele Persönlichkeitsstörungen der zweiten Achse revidiert werden, wieso dann nicht die Borderlinestörung? Durch die Modifikation der beiden Persönlichkeitsstörungen ist etwas über die prinzipielle Revidierbarkeit der Borderlinestörung ausgesagt.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Doch es ist klar, dass sich die APA nicht auf solche Überlegungen einlassen kann. Das DSM ist für die Kliniker eine Art Bibel, die nur äußerst sorgsam umgeschrieben wird. Das liegt daran, weil man an den prinzipiell gnostischen Wert der Klassifikation glaubt. Ohne ein solches Vereinheitlichen, wie es das DSM gewährleistet, herrschte ein epistemologisches Chaos, nicht nur zwischen den Klinikern, die auf die Vergleichbarkeit der Diagnosen verzichten müssten, sondern auch bei der Erkennung von Krankheiten überhaupt. Das DSM ist die Brille, durch die man Krankheiten und Abweichungen von der Normalität erkennt.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Nun sind Krankheiten immer Abweichungen von der geltenden Normalität, und insbesondere sind Persönlichkeitsstörungen solche Erscheinungen, die unerwünscht sind. Das gilt insbesondere im Zusammenhang mit Delinquenz: Straftaten und asoziale Persönlichkeit sind unerwünscht. Unerwünschte Verhaltensweisen können prinzipiell in zwei Denkkategorien gebannt werden: Die erste Kategorie ist die des Bösen. Sie ist vorrational, obwohl sie immer noch eine Rolle spielt bei der Beschreibung solchen Verhaltens, das einem normwidrig erscheint. Die zweite, etwas modernere Kategorie ist eben die Psychiatrisierung: Ein Verhalten ist krank bzw. gestört. Beide Einordnung führen dazu, der Abweichung etwas Substanzielles zu verleihen; entweder ist ein Verhalten böse und daher normwidrig oder es ist krank und daher nicht normfähig. Beide Beschreibungen beginnen jedoch mit der grundsätzlichen Andersartigkeit gegenüber dem als gut oder gesund beschriebenen Verhalten. Dass es sich eigentlich um lediglich unerwünschtes Verhalten handelt gerät nicht in den Blick, vielleicht weil man dann rechtfertigen müsste, warum man anderes Verhalten als erwünscht betrachtet. Jedenfalls muss man diese beiden Einordnungen auf eine rationale Basis zurückführen: Bei psychiatrisch auffälligen Verhaltensweisen, Handlungen oder (was nur ein statisches Bündel der beiden ist) Persönlichkeiten muss man erkennen, dass sie eigentlich nur unerwünscht sind und man ihnen nachträglich den ethischen oder psychologischen Status gibt. So ist Homosexualität ein Verhalten, das eigentlich nur unerwünscht ist; dass es verteufelt und anschließend pathologisiert wurde sagt nichts über den substanziellen Status aus. Denn insbesondere die Erkenntnis, dass Homosexualität (besonders als sexuell selbstbestimmter Entwurf) von den Klinikern anerkannt wurde, zeigt, dass sie der Dämonie und der Psychopathologie entkleidet werden konnte. Dasselbe gilt für zahlreiche Paraphilien: Sie sind noch im DSM klassifiziert; gelebt werden sie aber durchaus in Subkulturen, die als solche selbst von der Mehrheit anerkannt sind. (Wenngleich diese Anerkennung eher etwas mit Neugier am Bizarren, mit Skepsis und Ignoranz zu tun hat.)</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Anhand der Pädophilie, die nicht den Sprung in die Legalität schafft, kann man sehen, wie ein Verhalten, das einfach von der Mehrheitsgesellschaft nicht erwünscht ist, auch pathologisiert wird. Die Pädophilie ist, wo sie zum sexuellen Kontakt mit Kindern führt, strafbewehrt. Die Strafrechtsnorm verhält sich selbstverständlich agnostisch gegenüber der Persönlichkeit des Täters. Die Gültigkeit als unerwünschte Sexualpraxis, insbesondere mit Blick auf die Leiden der Opfer, verleiht der Pädophilie ihren kriminellen Status. Das ist das eine. Aber etwas anderes ist die Einordnung der Pädophilie als Paraphilie, das heißt die Einordnung von schlicht unerwünschtem Sexualverhalten als pathologische Verhaltensweise.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Auch die narzisstische Persönlichkeitsstörung, die im DSM 5 in ihrer Eigenständigkeit zumindest als weitgehend überholt angesehen werden kann, versammelt diagnostisch einfach nur einige unerwünschte Verhaltensweisen, das heißt solche Verhaltensweisen und Handlungen, die im sozialen Miteinander grundlegenden moral- und vertrauensbasierten Handlungen widersprechen. Man muss aber redlich erkennen, dass der Narzissmus eigentlich keine Pathologie darstellt, sondern einfach ein den sozialen Normen widersprechendes Verhalten, das man auch noch klinisch beschreibt, um es besser verstehen und in den Griff bekommen zu können. Wenigstens gilt dies in Bezug auf die etablierten Sozialnormen der Mehrheitsgesellschaft, während die Literatur zum Narzissmus längst schon erkannt hat, dass narzisstische Verhaltensweisen wie Neid, Hochmut, überzogenes Anspruchsdenken, Empathiemangel etc., schon in bestimmten beruflichen und sozialen Systemen als etabliertes und dort anerkanntes Verhalten gelten können. Das zeigt auch die Schwierigkeit, solche Verhaltensweisen als </span><span style="font-size:small;"><em>per se</em></span><span style="font-size:small;"> pathologisch zu klassifizieren. Wer im Berufsalltag der haute finance einfach kein Mitleid zeigt oder hohe Erwartungen an Andere hat ist vielleicht dort besser aufgehoben als im Berufsalltag mit bettlägerigen Patienten oder bei der Arbeit mit Kindern. Und er erfüllt dort vielleicht die Erwartungen und die funktionalen Ansprüche, die eine gewisse Charakterdisposition wie Gefühlskälte verlangen. Hier würde sich eher die Frage stellen, ob eine Gesellschaft solche funktionalen Systeme überhaupt wollen kann. Auch das für die narzisstische Persönlichkeitsstörung so wichtige Kriterium der mangelnden Empathie wirkt angesichts bestimmter funktionaler Systeme innerhalb unserer Gesellschaft eher bigott. So bescheinigt man Delinquenten, insbesondere brutalen Gewalttätern, regelmäßig mangelnde Empathie. Doch gibt es gesellschaftliche Bereiche, wo Empathie systematisch ausgeschaltet wird, etwa im Militär, wo das Töten mit Fernwaffen zum Alltag gehört. Wird man nun jeden Soldaten, der mit ferngesteuerten Bomben oder jeden Militär, der mit Drohnen tötet, eine pathologische Empathielosigkeit attestieren wollen? Nein, sicher nicht. Diese Diagnose ist nur eine Handhabe gegen Straftäter, die man solange psychiatrisiert, bis sie erwünschte Gefühle und Verhaltensweisen zeigen und man von diesen eine gewisse Stabilität und Sicherheit ableiten kann. Es wäre aber ehrlicher zu sagen, dass man sie nur behandelt, weil man ein bestimmtes zukünftiges Verhalten von ihnen verlangt.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Die Psychiatrie hat also dem Verhalten, das Menschen untereinander und gegenseitig fordern, nur eine mythische, scheinrationale Dimension hinzugefügt. Menschen verlangen einfach soziales und moralisches Verhalten voneinander und reagieren abwehrend auf solches Verhalten, was den Sozial- und Moralnormen, insbesondere aber den Strafrechtsnormen widerspricht. Die Gründe sind sehr verschieden, sie sind aber in diesem Sinne immer rational, da sie auf Zwecke hinzielen, die man mit sozialadäquaten Verhalten besser erreicht. Daher ist auch das Argument, man solle eine Straftat unterlassen, weil es auch im Sinne des Täters ist, sie zu unterlassen, eine rationale Argumentation, die einfach auf das rationale Kriterium der Reziprozität zielt. Dafür braucht es keinen Rückgriff auf die eigentlich mythische Dimension der Pathologie, die ein unerwünschtes Verhalten lediglich essentialisiert und in der Persönlichkeit des Einzelnen verankert, um in einem gewissen Erwartungshorizont Eintrittswahrscheinlichkeiten für normwidriges Verhalten zu etablieren.</span></p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY"><span style="font-size:small;">Das DSM ist, wie andere Klassifikationen, einfach ein Ausfluss des psychologischen Denkens; es tut so, als gäbe es sozusagen genuine Verhaltensweisen, Krankheiten und Abweichungen, die zunächst eintreten und die dann zu einem unerwünschten Verhalten werden. Nun zeigt aber auch die neueste Revision, dass das DSM letztlich auf die strikte Dualität von erwünschtem und unerwünschtem Verhalten zurückzuführen ist. Mit dem Einschmelzen der Kriterien für Persönlichkeitsstörungen zeigt man vielleicht auch eine gewisse Toleranz gegenüber unerwünschtem Verhalten, dem man jetzt einfach die Brisanz des Pathologischen aberkennt.</span></p>
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		<title>Göttinger Gräuel</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Jun 2011 19:32:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Man muss es kumulative Strafe nennen, die den Mörder zweier Teenager heute getroffen hat: Das Landgericht Göttingen verurteilte den 26-Jährigen Jan O. am 27. 6. wegen Doppelmordes zu lebenslanger Haft. Da man ihm eine schwere Persönlichkeitsstörung attestierte kommt er in die Psychiatrie; weil er gefährlich ist entschieden sich die Richter auch für die Sicherungsverwahrung. Das [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=202&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY">Man muss es kumulative Strafe nennen, die den Mörder zweier Teenager heute getroffen hat: Das Landgericht Göttingen verurteilte den 26-Jährigen Jan O. am 27. 6. wegen Doppelmordes zu lebenslanger Haft. Da man ihm eine schwere Persönlichkeitsstörung attestierte kommt er in die Psychiatrie; weil er gefährlich ist entschieden sich die Richter auch für die Sicherungsverwahrung. Das bedeutet eine volle Ausschöpfung der strafrechtlichen Mittel. Mindestens zwei der Maßnahmen, die eine zur Strafe, die andere zur Prävention verhängt, konterkarieren die Einweisung in die Psychiatrie. Es wird betont, der Täter komme nicht mehr frei. Ja, wenn das die Voraussetzung für eine Therapie ist, dann braucht man Jan O. nirgends mehr hinzuschicken. Er kann in einem Keller verfaulen. Die <a title="FAZ" href="http://www.faz.net/artikel/C30857/doppelmord-von-bodenfelde-lebenslange-haftstrafe-fuer-teenager-moerder-30449066.html" target="_blank">FAZ</a> berichtet sogar von einer sehr paradoxen Auffassung von Therapie: „Das Gericht geht davon aus, dass selbst bei einer erfolgreichen Therapie der Hang des Doppelmörders zu schwersten sexuell motivierten Gewalttaten bestehen bleiben wird. Möglicherweise werde er dann sogar noch gefährlicher.“ Das ist eine Auffassung von Therapie, die in sich unschlüssig ist. Eine Therapie macht man nur dann, wenn eine Heilungschance besteht. Der Einweisung in eine forensische Anstalt muss die Heilungschance zu Grunde liegen. Und über Sinn und Zweck der Sicherungsverwahrung hat man vor nicht allzu langer Zeit diskutiert: Jeder Täter muss eine Perspektive haben frei zu kommen. Dies alles übersteigt den Horizont des Gerichts. Jan O.s Geständnis sei für den Schuldspruch maßgeblich gewesen, sagte der Richter. Im Falle der Tötung des Mädchens aus sexuellem Antrieb wirke es sich sogar mildernd aus. Doch letztlich knüpft man den Täter am Strick auf, den er sich selbst legen durfte: Nur sein Geständnis hat die kannibalistische Neigung offenkundig gemacht. Das bedeutet, dass sich das Geständnis von O. für ihn nicht ausgezahlt, sondern zur Härte des Urteils beigetragen hat. Und das ist ein Signal an alle Täter, nicht zu gestehen und nicht zur Aufklärung ihrer Tat beizutragen.</p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY">Man mag den Umgang des Gerichts mit dem Geständnis angesichts der brutalen Morde für stichhaltig finden, er widerspricht dennoch basalen Rechtsgrundsätzen. Im Klartext: Jan O. hat keine Chance mehr. Neben Klärung der biographischen Ursachen der Tat und der Aufklärung des tatsächlichen Gewaltpotentials muss für einen Täter die Freiheit Motivation sein. Nur der Freiheitsimpuls führt letztlich zu einer authentischen Mitarbeit in einer Therapie, zu einer Perspektive, zur Möglichkeit der Resozialisierung, die Jan O. pauschal abgesprochen wird. Aber das Urteil des Gerichts, die Anwendung der kumulativen Strafe zeigt, dass das Gericht nicht besser mit dem Täter umgehen kann. Diese Unfähigkeit ist symptomatisch. Jan O. ist nicht der erste Fall, in dem nicht nur die Straftat und die Tatausführung zur Verschärfung der Strafe beiträgt, sondern in dem auch die Persönlichkeitsstörung, die eigentlich strafmildernd wirken sollte, angewandt wird. Aber die Gutachter haben sich eines Tricks bedient: Jan O. sei in seiner Persönlichkeit gestört, aber doch wenigstens beim zweiten Mord schuldfähig, weil er bei der Tötung des Jungen berechnend vorgegangen sei. Aber wer nicht berechnend vorgeht kann überhaupt nicht morden.</p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY">Eine solche Härte, wie sie im Urteilsspruch des Landgericht Göttingen angewandt wird, entspricht übrigens ganz dem repressiven und präventiven Geist der Justiz und Sicherheitsbehörden gegenüber überführten oder mutmaßlichen Gewalttätern. Punitivität ist hier das Stichwort: Es herrscht eine Straf- und Vergeltungslust, neben den vielen Überwachungs- und Sicherungsmaßnahmen, wie wir sie schon gewohnt sind (und die solche Verbrechen nicht verhindern können). Man reizt das Strafmaß bei überführten Gewalttätern aus. Die Scheußlichkeit der Tat wird durch fast hochstaplerische Sanktionen wett gemacht. Dabei geht es vor allem darum, den Täter in Gewahrsam zu halten und der Straflust der Bürger entgegen zu kommen. (Auch in Göttingen forderte man auf Transparenten keinen Straferlass für Jan O.) Doch wenn Punitivität abschrecken soll, dann ist auch das höchste Strafmaß ein stumpfes Schwert. Täter wie Jan O. werden sich nicht abschrecken lassen, gerade wenn sie persönlichkeitsgestört sind. Sie werden ihre Straftat verdecken wollen, weil sie harte Strafen befürchten. So mussten die beiden Teenager sterben: im Falle des Mädchens, weil Jan O. den Missbrauch verdecken und im Falle des Jungen, weil er nicht von diesem verraten werden wollte. Alle Täter, gerade die brutalsten, gerade die narzisstischen werden immer versuchen, der Strafe zu entgehen und daher eventuell die Tat überziehen, das heißt die Gewalt über das notwendige hinaus steigern. Punitivität verfehlt die Schutzfunktion vollkommen; auch steht in Frage, ob sie die Trauer der Angehörigen mildert und die Rachegelüste der Bevölkerung befriedigt. Sie verfehlt die Schutzfunktion systematisch ebenso wie Präventivmaßnahmen zur Terrorbekämpfung systematisch diejenigen Täter nicht erfasst, denen es egal ist, ob sie bei einem Anschlag sterben oder die aus Überzeugung auch hohe Strafen in Kauf nehmen. Und diejenigen Straftäter, die unzurechnungsfähig sind, wird keine noch so hohe Strafandrohung Einhalt gebieten.</p>
<p style="text-align:justify;" align="JUSTIFY">Für die Perspektive, die man einem Straftäter gibt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man behält in in Sicherungsverwahrung und prüft routiniert ob eine Entlassung vorbereitet werden kann. In diesem Falle gibt es kein ausdrückliches Ziel der Entlassung und nur eine abstrakte Perspektive. Es überwiegt der Schutz der Öffentlichkeit. Oder man therapiert ihn, dann gibt es ein klares Ziel und der Schutz der Öffentlichkeit wird nur insoweit berücksichtigt, als dass eine gezielte Gefahrenprognose dem Schutzbedürfnis der Allgemeinheit Rechnung trägt. Beides zugleich, Therapie und Sicherheitsverwahrung, sind in der Praxis gängig. Aber sie sind von der Zielsetzung her fast entgegengesetzt. Die eine demotiviert, während die andere motiviert. In Jan O.s Fall wie in vielen anderen Fällen (etwa bei Pascal I., einer der Folterer eines Mithäftlings in der JVA Siegburg) wird die Persönlichkeitsstörung strafverschärfend gewertet, anstatt strafmildernd. Damit verschließt man sich die Möglichkeit Jan O. von Strafe zu entlasten und in einen Anreiz zur Therapie zu geben. Die Aussage, er sei nicht therapierbar, ja sogar die völlig neue Aussage, gerade eine Therapie könne die Gefährlichkeit erhöhen, bremst alles aus, was jetzt auf den Weg gebracht werden müsste. Die Göttinger Richter haben bewiesen, dass sie unfähig sind, dies alles zu sehen.</p>
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		<title>Sozialer Druck</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Jun 2011 15:14:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Gemeinschaften üben im Rahmen sozialer Kontrolle Druck auf ihre Mitglieder aus. Über diesen Druck erzeugen sie erwünschte Verhaltensweisen, zugleich modellieren sie eine bestimmte Homogenität der Gemeinschaft. Auch die Durchsetzung und Tradierung von Werten, Anschauungen und dem, was man für &#8216;richtig&#8217; hält, wird mittels sozialer Kontrolle bewerkstelligt, wobei dem Druck hier die Rolle der Verstärkung zukommt, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=197&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;">Gemeinschaften üben im Rahmen sozialer Kontrolle Druck auf ihre Mitglieder aus. Über diesen Druck erzeugen sie erwünschte Verhaltensweisen, zugleich modellieren sie eine bestimmte Homogenität der Gemeinschaft. Auch die Durchsetzung und Tradierung von Werten, Anschauungen und dem, was man für &#8216;richtig&#8217; hält, wird mittels sozialer Kontrolle bewerkstelligt, wobei dem Druck hier die Rolle der Verstärkung zukommt, wenn eine starke Abweichung von den Erwartungen und Forderungen stattfindet. Dabei ist die Ausübung von sozialen Druck innerhalb der gegenseitigen Kontrolle selbst etwas, was akzeptiert, vermittelt und weitergegeben wird. Die verschiedenen und oft sehr informellen Spielarten der sozialen Kontrolle kennen ebenso viele Unterspielarten der Druckausübung; dabei sind soziale Kontrolle im Allgemeinen und Druckausübungen im Besonderen meist an Positionen und Rollen geknüpft. Das ist ziemlich einfach zu beschreiben: Ein Familienvater übt auf seine Kinder eine andere Art der sozialen Kontrolle und Druck aus als ein Nachbar auf ihn oder ein Lehrer auf die Kinder; und ein Polizist übt einen ganz anderen Druck auf sein Klientel aus. Von den Rollen aber unabhängig ist die Fähigkeit zur sozialen Kontrolle (und Selbstkontrolle) und demgemäß üben wir sie alle irgendwie aus. Grundsätzlich kontrolliert jeder jeden, da jeder an jeden Verhaltenserwartungen und Forderungen richtet und diese auch durchzusetzen bereit ist. Gemäß der individuellen Sozialisation werden Erwartungen und Kontrolle langsam erhöht; das Mitglied wächst in seine gesellschaftlichen Rollen und Positionen hinein. Die damit verbundenen Erwartungen werden zusehend komplexer; sie können zu expliziten Forderungen werden, in denen klar zum Ausdruck gebracht wird, was man will. Auch die Zumutbarkeit der Druckausübung wächst. Zuerst sieht man es einem Kind noch nach, wenn es im Laden stiehlt; man erklärt ihm (meist brüsk), dass man das nicht darf. Später werden die Erklärungen entweder expliziter oder sie fallen weg, je nach dem, ob das Kind in der Lage ist, sich erwartungsgemäß zu verhalten und ob es ihm gelingt, das richtige (d. h. erwünschte) Verhalten aus anderen Informationsquellen zu erfahren. Auf das Mitglied einer sozialen Gemeinschaft können Durchschnittserwartungen treffen bestimmte Verhaltensweisen anzunehmen oder abzulegen. Daneben gibt es spezielle Erwartungen, die einem Mitglied übermittelt werden. Es ist auch klar, dass eine spezielle Erwartung mit der Zeit zu einer allgemeinen Erwartung werden kann: Nachdem man einem Kind beigebracht hat, wie es sich verhalten und was es können soll, ist diese Erwartung für die folgende Zeit generalisiert. Viele Verwandte erkundigen sich bei der Mutter, was man dem Kind schon beigebracht, was es schon gelernt hat. Zunächst muss man ein Mädchen noch darauf hinweisen, dass es beim Sitzen seine Beine zusammennehmen muss, wenn es einen Rock trägt, um sich vor unliebsamen Blicken zu schützen; später ist dies eine Selbstverständlichkeit. Erwartungen und Forderungen können sich auf alle Bereiche des Lebens, auf alle Verhaltensweisen, Handlungen und Ausdrucksformen beziehen: Es gibt die Regeln der Hygiene genauso wie die des Sprechens, des Achtgebens, der Sexualität, der Fürsorge, des erwünschten Denkens und Fühlens, ja sogar der Ignoranz. Die sozialen Regelwerke sind nicht nur sehr flexibel, sondern auch generativ: Selbst Verhaltensweisen, die bisher keinem Reglement unterlagen, können in ein Regelwerk einbezogen werden, so etwa das relativ neue Verhalten von Kindern an modernen, netzwerkfähigen Computern oder von Menschen in neuen sozialen Netzwerken. (Der Erfolg der Regelinstallation hängt wohl auch zu einem guten Teil vom gelungenen Rückgriff auf vorhandene Regeln ab.) Man kann unterscheiden zwischen der synchronen Struktur von Erwartungen und Forderungen, dem Aufbau des Regelwerks, seine Grade der Explikation usw. und dem diachronen Verlauf von Lebensabschnitten, auf die sich das Regelwerk bezieht. Mindestens die Überkreuzung beider &#8216;Strukturen&#8217; ist hervorzuheben: Stehen am Anfang der Sozialisation oder der Resozialisation implizite Erwartungen und explizite Forderungen, so stehen am Ende unbedingt explizite Regeln und Normen. Der höchste Grad an Explikation sozialen Verhaltens, das verboten oder erwünscht ist, sind die Strafrechtsnormen. Ihre volle Entfaltung können sie nur ab einer bestimmten biographischen Reife erhalten. Hierbei spielt es keine Rolle, dass sie Jedermann einsichtig gemacht sind; sie können jedoch nur denjenigen einsichtig gemacht werden, die über eine bestimmte Art der geistigen und emotionalen Reife verfügen, jedenfalls ab einem bestimmten abstrakten Niveau der Regeln und ihrer Begründung. Unterhalb dieses Niveaus, das man gerne mit moralischer Reife verwechselt, genügt ein praktikables Halbwissen: So weiß jeder, dass die Tötung anderer Menschen verboten ist, aber der Grad an Differenzierung (also das Wissen um Totschlag und Mordqualifizierung, Mordmerkmale, Sanktionsarten etc.) ist bei den meisten Mitgliedern der Gemeinschaft, in der das entsprechende Regelwerk gilt, nicht vorhanden. Dasselbe gilt für den sozialen Druck. Auch diesen übt man eher bei denjenigen aus, die empfindlich auf ihn reagieren, zugleich aber auch verstehen können. Erhöhter Druck auf Kinder beispielsweise wird als unzulässig empfunden. (Aber die Historie liefert uns eindrückliche Beispiele der harten Pädagogik, die in bestimmten Epochen akzeptiert war.) Die Ausübung sozialen Drucks, den ich hier als eine besonders harte Form allgemeiner sozialer Kontrolle ansehen möchte, hat zum Ziel, bereits sichtbares Abweichen von allgemein oder spezifisch erwünschtem Verhalten, insbesondere Normbrüche, zu korrigieren. Hart ist er insofern, als dass er spürbar negativ wirkt, sei es durch psychische oder physische Einbußen, durch soziale Bloßstellung oder durch Freiheitsbeschränkungen (Prügel und Zimmerarrest beim Kind; Freiheitsentzug bei Erwachsenen etc.). Sozialer Druck muss, in welcher Form er auch auftritt spürbar sein. Man spricht in diesem Falle von Sanktionen, die man erleiden muss, mindestens aber von sozialen negativen Konsequenzen, die man dulden muss. Es gibt eine bemerkenswerte Vielfalt der Kontrolle und Arten, diese auszuüben. Die offensichtlichsten Formen treten bei verbaler und nonverbaler Kommunikation auf. So kann man jemanden mit Tadel, Häme, Schweigen, Ausgrenzung, Erniedrigung, Zurechtweisung oder strafrechtlichen Konsequenzen begegnen. Diese Formen sind extrem, kommen aber häufig vor. Sie stehen am Ende eines Kontinuums an Möglichkeiten, auf Abweichungen zu reagieren, und treten selbstverständlich vor allem dort auf, wo Normbrüche allgemein markiert sind. Fast immer steht eine sehr weiche Form der Erwartung am Anfang der sozialen Interaktion. Höflichkeit ist oft einfach eine Minimalerwartung innerhalb dieser. Man soll die Blumen, die einen die Nachbarin zeigt, schön finden. Man soll nicht ins Dekolleté (obwohl zur Verführung und Lenkung des Blicks gemacht) schauen, manchmal lange bevor einem die allgemeine Forderung trifft, freizügige Kleidung anzuerkennen. Der Respekt vor dem Körper ist dabei vorausgesetzt und er besteht bevor das Spiel der Blicke beginnen kann. Dass es nur zu einvernehmlichen erotischen Kontakten kommt schwebt immer im Raum als allgemeine Erwartung zwischen den Geschlechtern. Handlungen, Äußerungen, Blicke, sogar unsere Schweißdrüsen und unsere Wangenröte werden durch situative und generelle Erwartungen gesteuert. Es ist jedem klar, dass es anlassbezogene Erwartungen gibt, die sich etwa im Dresscode und in bestimmten Verhaltensweisen, in Riten und Signalgebungen (bis hin zu den verbalen Floskeln und den unverbindlichen Handlungen) niederschlagen. Anlassbezogene Erwartungen sind meist sehr deutlich, man weiß, was man tun darf, wenn man auf eine Beerdigung oder auf einen Ball geht, wenn man die Schule besucht, eine Prüfung ablegt, einen Behördengang vollzieht oder eine erotische Zusammenkunft hat. Die soziale Vielfalt ist hier außerordentlich und oft schützt einem nur der Blick auf das Verhalten Anderer (mithin die Adaption), um sich korrekt zu verhalten und allen frei schwebenden Verbindlichkeiten gerecht zu werden. (Das erklärt übrigens so manche Sehnsucht nach Freiräumen, nach regellosen Situationen und fast anarchischen Zuständen. Nicht nur der Nudist, der Libertin und der Privatier in seinem Keller mit Modelleisenbahn nutzen die vermeintliche Freiheit, die Spiel- und Auslebemöglichkeiten in Privatbezirken.) Man sieht auf den ersten Blick, dass soziales Leben ein regelgeleitetes Leben ist, in dem man einerseits versucht, sich anzupassen, in dem andererseits zugleich versucht, Freiräume zu gewinnen und dennoch nicht derart deutlich gegen Regeln zu verstoßen, dass man unter harten Druck gerät und missliebige Sanktionen ertragen muss. Soziale Kontrolle und mithin Druck sind konstitutiv für soziales Leben. (Es gibt Menschen, etwa Straftäter, die einer kumulierten Kontrolle unterliegen. Da man ihnen die Selbstkontrolle nicht zutraut baut man mehr Sicherungssysteme in ihre soziale Umgebung ein. Ob dies nun permanentes Misstrauen der Mitmenschen ist oder Gefängniszellen, ob dies Medien sind, die auf den Straftäter hinweisen oder staatliche Stellen, die verschiedene Resozialisierungserwartungen an den Straftäter richten ist hinsichtlich des Prinzips Kontrolle nicht entscheidend. Ein Straftäter wird immer ein bisschen mehr kontrolliert als alle anderen; er muss sich immer ein Stück weit mehr bewähren als alle anderen. Oft unterliegt er einer lebenslangen Legalbewährung. Der spürbare Druck auf ihn ist um ein vielfaches höher, das entsprechende Risiko zu Versagen (Rückfall) entsprechend hoch.) Problematisch werden beide, Kontrolle und Druck, mit Blick auf den Machtcharakter. Soziale Kontrolle und die Ausübung von Druck sind immer auch Machtausübung. Oft genug bedeutet soziale Kontrolle auch das Erringen von und die Verfügung über Mittel der Machtausübung. Eine Gesellschaft ist niemals unschuldig. Weil die Güter und Positionen, Privilegien und Schalthebel, die Zugänge zu materiellen und informationellen Ressourcen und die institutionellen Machtzentren ungleich besetzt sind; weil es immer wieder Menschen und Gruppen gibt, die der sozialen Kontrolle mehr als andere unterliegen; weil Kontrollausübung eher von oben nach unten funktioniert und sich bestimmte Eliten der Kontrolle entziehen; weil das Prinzip des Ausschlusses vielfach auch eine Entrechtung und die Entrechtung ein Ausschluss bedeutet; und weil schließlich die Kontrolle etwas Willkürliches ist und sogar Diskriminierung werden kann – deshalb ist soziale Kontrolle, ist Druckausübung immer auch etwas an sich Problematisches. Es kann sogar sein, dass beide die Heterogenität, die sie ausmerzen wollten, bestärken. Einfach gesagt: Kontrolle ist Machtausübung und daher ist stets nach der Berechtigung, der Legitimität von Kontrolle zu fragen. Insbesondere bei sozialem Druck taucht die Frage nach der Legitimität auf. Sie ist selbst etwas, das dem Dilemma einer hierarchisch verfassten Gesellschaft nicht entgeht, da Legitimation meist schon von herrschenden Kontrollinstanzen erzeugt wird. So legitimiert sich auch sozialer Druck vielfach selbst. Er kann durch die (gesellschaftlich anerkannte) Position des Druckausübenden legitimiert werden oder aber aus der Sache selbst, da ja der Druck gegenüber dem problematischen Abweichen von der Erwartung selbst als unproblematisch gilt. Warum? Wäre die Ausübung des Drucks selbst problematisch, würde er erst gar nicht angewandt, das eigentliche Problem des Abweichens bliebe bestehen. (Eltern, die sich dieser Problematik ihrer Machtausübung nicht bewusst sind, denken, qua Natur zum Prügeln legitimiert zu sein.) Das heißt, dass soziale Kontrolle selbst kontrolliert wird. Und das bedeutet, dass sich soziale Kontrolle immer auf sich selbst bezieht und dass die Grenzen zwischen legitimer und illegitimer sozialer Kontrolle verschwimmen, ebenso die Zuständigkeiten. Da das Netzwerk der gegenseitigen Kontrolle so unübersichtlich ist, da oft nicht klar ist, wer jetzt zu welcher sozialen Kontrolle berechtigt ist, kommt es zu Konflikten, jedenfalls unterhalb der Schwelle klarer Zuständigkeiten, wie sie das Strafrechtssystem zu bieten beansprucht. Da niemand der Kontrolle entgehen kann, da jeder vom sozialen Ausschluss, von sozialer Missbilligung, im Extremfall sogar vom &#8216;sozialen Tod&#8217; bedroht ist, nimmt man für sich in Anspruch selbst seine Kontrollmöglichkeiten zu erhöhen. Dies ist die Wurzel eines sozialen und höchst dynamischen Wettstreits um Kontrollhoheit und Kontrollressourcen. Viele Anstrengungen des Einzelnen sich im Sozialen &#8216;über Wasser zu halten&#8217; resultieren aus diesem Wettbewerb, selbst einen legitimen und effektiven Druck ausüben zu können. Aufs Ganze gesehen trägt dieser Wettstreit auch dazu bei, dass eine Gesellschaft härter wird, als sie vielleicht sein müsste.</p>
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		<title>Empörungsbürger</title>
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		<pubDate>Wed, 04 May 2011 15:23:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Das heutige Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die Sicherungsverwahrung für verfassungswidrig erklärt und eine Neuregelung der bisherige Praxis des Wegsperrens erzwingt, stößt beim Bundesbürger auf Unverständnis. Schon seit der EGMR die Sicherungsverwahrung als unzulässige Strafpraxis eingeordnet hat, weswegen zahlreiche Sicherungsverwahrte entlassen werden mussten und nun mit hohem polizeilichen Aufwand kontrolliert werden, lösten die Folgen des Rechtsverständnisses [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=192&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="JUSTIFY">Das heutige <a title="BVerG Urteil" href="http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EAAF938BA5D244A2B901AD0D3D69E0EFE~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Urteil</a> des Bundesverfassungsgerichts, das die Sicherungsverwahrung für verfassungswidrig erklärt und eine Neuregelung der bisherige Praxis des Wegsperrens erzwingt, stößt beim Bundesbürger auf Unverständnis. Schon seit der EGMR die Sicherungsverwahrung als unzulässige Strafpraxis eingeordnet hat, weswegen zahlreiche Sicherungsverwahrte entlassen werden mussten und nun mit hohem polizeilichen Aufwand kontrolliert werden, lösten die Folgen des Rechtsverständnisses &#8216;Freiheit vor Schutz&#8217; Proteste und Unbehagen in der Bevölkerung aus. Unverständnis entzündete sich vor allem an der Tatsache, wie einschlägigen Gewaltverbrechern, die rechtskräftig verurteilt wurden und bei denen weitere Straftaten zu erwarten seien, derartige Erleichterungen, ja überhaupt Aufmerksamkeit zuteil werden könne. Die beiden großen Polizeigewerkschaften monieren seit dem damaligen Urteil den hohen Sicherheitsaufwand und die damit einhergehende personelle und finanzielle Belastung der Polizei. Der Bürger fühlt sich von den Rechtsexperten und den Politikern verschaukelt. Befürchtungen, dass rückfallgefährdete Straftäter unerkannt in die Nachbarschaft ziehen, werden zu Metabefürchtungen, dass das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung nicht mehr befriedigt werden könne und es zu bürgerwehrartigen Zusammenschlüssen kommen könnte.</p>
<p align="JUSTIFY">Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist zwar ein rationales, verantwortungsvolles Urteil, denn es sorgt nicht umgehend für eine Entlassung vieler Sicherungsverwahrter, sondern es setzt eine Prüfdauer an und hält psychisch erkrankte Straftäter weiterhin zurück. Doch dies wird so nicht wahrgenommen. Besonders empörend scheint für den Bürger, dass wiedereinmal auf Kosten der eigentlichen Opfer eine Vergünstigung für Täter erreicht werde. Für Täter aber fordert man drakonische Strafen. Die Sicherungsverwahrung, die ja eine von der Strafe zu unterscheidende Präventivmaßnahme sein soll, ist in den Köpfen der Bürger schon längst eine gerechte Strafe geworden. So schreibt ein Leser der FAZ: „Die Reaktion kann nur sein, grundsätzlich Verurteilung nach amerikanischem Muster zur mehrfach lebenslänglich, damit diese Elemente sicher weggesperrt bleiben.“ Weggesperrt werden wohlgemerkt keine Menschen, sondern „Elemente“.</p>
<p align="JUSTIFY">Sicherheit ist das zentrale Bedürfnis derjenigen, die Kritik an dem Urteil üben und höhere Strafen fordern. Auch die Richter werden denunziert: „Diese rotgewandeten Juristen entwickeln sich immer mehr zu einer Gefahr für die Sicherheit und Ordnung sowie den geregelten Strafvollzug.“ Unterfüttert wird dieser Ausbruch der Frustration mit dem moralischen Gefühl, für die Opfer zu sprechen: „Dass dieser Spruch darüber hinaus die Opfer der Schwerstkriminellen, die im Regelfall auch noch Wiederholungstäter sind, verhöhnt und diskriminiert, entzieht sich offensichtlich dem Begriffsvermögen des Senats.“ Ein anderer Leser schreibt: „Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass Gewalttäter zu Opfern rehabilitiert werden und die eigentlichen Opfer von Gewalt, Vergewaltigung, Missbrauch und Schlimmerem nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren.“ Bei den Kommentaren ist es daher immer dasselbe: Die drakonischen Maßnahmen (von lebenslanger Haft bis zur Hinrichtung) werden im Namen der Opfer ausgegeben: „Opferschutz“ spiele „wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle“.</p>
<p align="JUSTIFY">Von den Politikern fordert man eine unmittelbare Reaktion auf die eigentlichen Bedürfnisse des rechtschaffenen Bürgers: „So geht es doch nicht weiter, dass [ein] &#8216;freiheitsorientiertes und therapiegerichtetes Gesamtkonzept&#8217; für die Verbrecher über den Schutz der Opfer und über die Gefährdung der Bevölkerung gestellt wird!“ Das Paradigma der Strafe und der Vergeltung nimmt dann in den Vorstellungen solcher Kommentatoren unmittelbar totalitäre Züge an: „Man sollte darüber nachdenken, ob im Grundsatz kumulative Strafe und lebenslänglich bis zum Tode &#8211; wie in den USA &#8211; eingeführt wird. Auch die persönliche Verantwortlichkeit von Richtern sollte in geeigneter Weise eingeführt werden.“ Das aber hieße, die richterliche Unabhängigkeit zu beeinträchtigen.</p>
<p align="JUSTIFY">Aus dieser großtönenden Moral erhebt sich sofort wieder der Anspruch auf ein Recht, nämlich das „Grundrecht des Bürgers, von verurteilten Gewalttätern effektiv geschützt zu sein“. Ergänzend wird das „Grundrecht auf Freiheit eines Mörders, Vergewaltigers, Kinderschänders“ beklagt, das fatalerweise „über den Schutz der Gesellschaft vor solchen Monstern gestellt“ werde. Viele sehen sich in der bisherigen Rechtspraxis nicht repräsentiert und befürchten eine (linke, grüne usw.) Klassenjustiz. Das Urteil des EGMR und des Bundesverfassungsgerichts habe „mit &#8216;Justiz&#8217; und &#8216;Gerechtigkeit&#8217; (…) nichts mehr zu tun“. Die Justiz sei losgelöst und gehe nicht mehr auf das moralische Empfinden und die eigentlichen Interessen der Bürger ein.</p>
<p align="JUSTIFY">Doch zählt das moralische Empfinden der Empörungsbürger herzlich wenig. Die Meisten von ihnen haben noch nicht einmal verstanden, wozu es Recht und Gesetz, juristische und strafprozessliche Verfahren, Strafe und Sühne, Rehabilitation und Bewährung überhaupt gibt. Einen Rechte und Pflichten Dualismus von Täter und Opfer, verfahrensgebundene Rechtsprechung, Straf- und Rehabilitierungphasen im Strafvollzug usw. gibt es unter anderem, um dem Lynchbedürfnis der Volksmoral ein rationales, reflektiertes System der Urteilsfindung und des Maßes an Strafe gegenüberzustellen. Denn es kommt nicht nur auf die Strafe an in unserer sehr differenzierten Rechtspraxis. Genauso wichtig ist die Rehabilitation, die Bewährung des Täters, die Wahrnehmung seiner Person als Rechtssubjekt (Rechte- und Pflichten-Inhaber) sowie (dies kommt letztlich in den Urteilen über die Sicherungsverwahrung zum Ausdruck) seine Chance auf Freiheit.</p>
<p align="JUSTIFY">Denn Freiheit ist das höhere Gut gegenüber Strafe, Vergeltung, Rache und Prävention. Viele Bürger stellen aber genau diese Funktionen in den Vordergrund: „Gefährliche Straftäter sollten in Haft bleiben. Es geht meiner Meinung nach um den Schutz der Bevölkerung/Gesellschaft vor diesen Individuen und um Sühne für die begangenen Straftaten.“ Schutz und Sühne werden zusammengedacht und ausreichend durch die Gefährlichkeit des Täters legitimiert. Dass der Präventivgedanke dabei überwiegt, wird in den Kommentaren ebenfalls deutlich: „Den Damen und Herren in Karlsruhe sei einmal ein Blick in die englische Rechtsgeschichte empfohlen. Ein Lordrichter sagte: Wir hängen Menschen nicht, weil sie Pferde gestohlen haben, sondern damit andere keine Pferde stehlen!“ Unter diesem Abschreckungsparadigma, das hier denkbar authentisch historisiert wurde, heißt das, dass Gefangene der Sicherungsverwahrung zu einer Druckmasse gegenüber der Normalbevölkerung werden. Das ist zwar tatsächlich eine Funktion, die Gefangene ausüben, aber es ist nicht ihre hauptsächliche Funktion.</p>
<p align="JUSTIFY">Es gibt eine kategorische Auffassung über die Täter: „Diese Leute haben ihr Recht auf Freiheit verwirkt. (…) Unsere Gesellschaft sollte es sich leisten, diese Straftäter für immer wegzusperren, als ihnen mit sozialromantischer Kuscheljustiz immer wieder kostenintensiv den Allerwertesten zu pudern.“ Hier macht sich auch die ökonomische Betrachtung geltend: Der Täter hat Schaden verursacht, also ist es das Kostengünstigste, ihn aus der Gesellschaft auszugliedern. Da die Gefängnisse und die psychotherapeutischen Einrichtungen von der Allgemeinheit getragen werden, erscheint es nur konsequent, den Täter hinzurichten, denn damit wären langjährige Folgekosten vermieden. Zumal der Täter sich selbst schon außerhalb der Gesellschaft gestellt hat. An solchen ökonomischen Überlegungen werden die krassesten Züge des Volksempfindens deutlich. Ihnen setzt das grundsätzliche Verständnis von Freiheit und Menschenwürde, vom Recht auf menschenwürdige Behandlung auch als Krimineller eine Grenze. Justiz versucht ein System gegen die einfache Selbstjustiz zu sein, um jeden Menschen Schutz zu gewähren. Aber die Kommentatoren antizipieren die eigene Stimmung und drohen sogar mit ihr: „Legt es die deutsche Justiz darauf an, der Selbstjustiz im Lande endlich zum Durchbruch zu verhelfen?“ Oder: „Selbstjustiz und der Vormarsch populistischer Parteien (siehe Rest von Europa) wird dann nicht mehr zu stoppen sein.“</p>
<p align="JUSTIFY">Es ist klar, dass solche Urteile wie das des Bundesverfassungsgerichts einem moralisierenden Mob schwer zu vermitteln sind. Sie sind an ein differenziertes Rechtsverständnis gebunden, nicht an Emotionen. So muss man auch auf die seltenen und reflektierten Kommentare hinweisen, die im Unisono der Frustrationsbekundungen fast untergehen: „Das Verfassungsgericht verteidigt die Rechte der Bürger gegen die Stammtische der Republik. Ich bin sehr zufrieden. (…) Jeder Bürger hat ein grundsätzliches Recht auf Freiheit, wenn er nicht gerade eine Haftstrafe verbüßt. Dies darf grundsätzlich auch nicht in Frage gestellt werden nur weil er potentiell &#8216;gefährlich&#8217;&#8220; ist. (…) Wer keine Haftstrafe verbüßt, hat ein prinzipielles Recht auf Freiheit. Das Risiko, das sich daraus ergibt, muss eine freiheitliche Gesellschaft tragen.“ Und hier trifft der Kommentator durchaus ins Schwarze. Denn das Herz jedes demokratischen Rechtsstaates ist es, die Freiheit aller an diesem System Teilnehmenden zu achten, zu schützen und durchzusetzen. Daher sind die gravierenden Einschränkungen des Strafrechtes flankiert mit strafbegrenzenden oder strafmindernden Faktoren – es seien dies Vorteile, die sich für einen Täter aus der StPO ergeben, oder eben psychiatrische Hilfen.</p>
<p align="JUSTIFY">Außerdem ist noch eines hervorzuheben, nämlich die <em>Attraktivität</em> des Rechtssystems, das solche elaborierten Mechanismen anzubieten hat und das keine Strafen aus einem Bauchgefühl verhängt. Ein Rechtssystem, in dem jeder geschützt wird, sogar derjenige, der eine Straftat begangen hat, ist das vorzugswertere Rechtssystem. Ein Rechtssystem, in dem Freiheit das höchste Gut für alle ist, und eben auch für den Strafgefangenen, ist dasjenige System, das gegenüber repressiveren Systemen attraktiver erscheint. Denn jeder kann ein von der Justiz Betroffener sein, als zu Recht oder zu Unrecht Angeklagter. Nur Rechts- und Strafsysteme, die keinen Schutz vor Strafen gewähren, die einem Straftäter keine Perspektiven auf Freiheit und Leben geben sind solche Systeme, wie man sie aus totalitären Gesellschaften kennt. Wenn ein Leser angesichts des Urteils des BVerfG schreibt: „Diese Justiz schützt uns nicht mehr“, dann ist diese Verständnis von der eigentlichen Leistung, ja vom Sinn und Zweck des justiziellen Systems verloren gegangen.</p>
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		<title>Das Leiden Anderer begaffen</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Mar 2011 16:39:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach dem gestrigen Erdbeben vor der Ostküste der japanischen Region Tōhoku sehen wir wieder dramatische Bilder. Diese Bilder, die jene des Erdbebens von Haiti im Januar 2010 und die des Tsunamis vor Sumatra im Dezember 2004 zu überbieten scheinen, warten mit der Ästhetik des Spektakulären auf. (Stern: „Atemraubende und erschreckende Bilder“, FAZ: „Japan &#8211; Bilder [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=184&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;"><a name="firstHeading"></a> <span style="font-family:Times New Roman,serif;"><span style="font-size:small;">Nach dem gestrigen Erdbeben vor der Ostküste der japanischen Region </span></span><span style="font-family:Times New Roman,serif;"><span style="font-size:small;">Tōhoku sehen wir wieder </span></span><span style="font-family:Times New Roman,serif;"><span style="font-size:small;">dramatische Bilder. Diese Bilder, die jene des Erdbebens von Haiti im Januar 2010 und die des Tsunamis vor Sumatra im Dezember 2004 zu überbieten scheinen, warten mit der Ästhetik des Spektakulären auf. (Stern: „Atemraubende und erschreckende Bilder“, FAZ: „Japan &#8211; Bilder der Katastrophe“) Die Berichterstattung und die mediale Dominanz ist sicher gerechtfertigt durch das Ereignis, seine Größenordnung und seine regionalen und globalen Wirkungen. Aber ist die Dramaturgie der Bilder gerechtfertigt?</span></span></p>
<p style="text-align:justify;"><span style="font-family:Times New Roman,serif;"><span style="font-size:small;">Wir sehen Explosionen, als wären die Wassermassen des Tsunamis und die damit einhergehende Zerstörung nicht schon genug. Feuer bietet andere ästhetische Eindrücke als Wasser und die Zerstörung durch Feuer ist ungleich plausibler als diejenige durch riesige Wassermassen, die wir nicht kennen. Über die Ereignisse, die Zerstörungen und die Rettungsmaßnahmen, werden wir durch Bilder, insbesondere durch Luftaufnahmen informiert. Diese Ausschnitte aus einem größeren Szenario können wir sachlich nicht einordnen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Bilder zur Kenntnis zu nehmen. Wir sehen große Areale zerstörter Infrastruktur (wie Landschaften nach einem Bombardement). Wir sehen Bilder von ineinander geschobenen Containern; wir sehen gestrandete und ausgebrannte Schiffe, die von den Wassermassen wie Modelle spielend leicht an die Küste geworfen wurden; wir sehen Trümmerfelder, Häuser und Grundmauern in Schlammmassen. Wir sehen eben Chaos (χάος – Unordnung). Da wir nicht betroffen sind von der Zerstörung, da wir nicht unter ihr leiden, können wir die Ästhetik dieses Chaos, dieser irdischen Apokalypse genießen.</span></span></p>
<p style="text-align:justify;"><span style="font-family:Times New Roman,serif;"><span style="font-size:small;">Sicher: Die Dreigliedrigkeit der Katastrophe, die Erdbeben, der folgende Tsunami und die Störungen zahlreicher Atomkraftwerke bzw. der Austritt von Radioaktivität in einem von ihnen, diese Dreigliedrigkeit macht die Ereignisse zu einer Katastrophe mit neuer Größenordnung. Doch Katastrophen wie die von Haiti, Sumatra und jetzt Japan werden immer in ein mediales Zeremoniell eingebunden. Zu diesem gehören nicht nur die dramatischen Bilder, nicht nur der Liveticker, der minütig die neuesten Informationen bringt, sondern zu ihm gehören mittlerweile auch die Videos von Betroffenen. Diese sind, so vermuten wir, wohl die authentischen Belege für die katastrophalen Wirkungen auf der ganzen Insel. Durch sie sind wir den persönlichen Erfahrungen und auch dem Leiden der Betroffenen nahe (zumindest näher als durch Luftbilder, auf denen man keine Menschen sieht). Sie bedienen aber zugleich, wie alle dramatischen Bilder, unsere voyeuristische Faszination.</span></span></p>
<p style="text-align:justify;"><a name="Fukushima_I"></a><a name="firstHeading1"></a> <span style="font-family:Times New Roman,serif;"><span style="font-size:small;">Schon kurze Zeit nach dem Beben beherrschten die Meldungen über die landesweiten Zerstörungen die Medien, insbesondere die über beschädigte Atomkraftwerke. Dass eine atomare Katastrophe drohe war schnell ausgemacht. Jedoch gelang bis jetzt die Einordnung nicht, sozusagen die Katastrophe innerhalb der Katastrophe oder anders gesagt: die Einordnung des GAUs in den Super-GAU. Begann das Äußerste schon mit dem Ausfall der Kühlung oder mit der angeblichen Kernschmelze der Brennstäbe oder erst mit dem Austritt von Caesium aus dem Kernkraftwerk Fukushima I? Das alles ist unklar. So eine Katastrophe der verbundenen Superlative aktiviert nicht nur hierzulande eine Hysterie und ein informationelles Chaos, sie lässt auch Betroffenheit nur in abstrakter Weise aufkommen. (Betroffenheit ist eine Sache der Nähe.) Und dass das Ereignis unter einem gewissen Guinness-Rekord-Blickwinkel gesehen wird, davon zeugt die Berichterstattung über Opferzahlen, Wellenhöhe und Wucht des Tsunamis und den Richterskalenwert des Erdbebens. Alles Superlative. Alles unüberboten.</span></span></p>
<p style="text-align:justify;"><span style="font-family:Times New Roman,serif;"><span style="font-size:small;">Und das Leiden der Betroffenen? Menschen schreien, legen sich auf den Boden, suchen nach Angehörigen, sterben. Wir können es, im Rahmen des Dramatischen, betrachten. Wir können aus der Ferne mitfühlen. Wir werden Geld spenden. Wir werden uns empören. Aber das ist schon alles. Wir warten längst schon auf bessere Bilder.</span></span></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/gallisto.wordpress.com/184/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/gallisto.wordpress.com/184/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/gallisto.wordpress.com/184/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/gallisto.wordpress.com/184/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/gallisto.wordpress.com/184/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/gallisto.wordpress.com/184/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/gallisto.wordpress.com/184/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/gallisto.wordpress.com/184/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/gallisto.wordpress.com/184/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/gallisto.wordpress.com/184/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/gallisto.wordpress.com/184/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/gallisto.wordpress.com/184/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/gallisto.wordpress.com/184/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/gallisto.wordpress.com/184/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=184&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Feuilleton feu</title>
		<link>http://gallisto.wordpress.com/2010/09/07/feuilleton-feu/</link>
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		<pubDate>Tue, 07 Sep 2010 21:05:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[La chronique culturelle en flammes et fumée Es gibt immer wieder saisonale Brandstifter. Da ist der populistische Trommler, der die schweigende Mehrheit hinter sich vereint oder der Rechtsintellektuelle, der die Grenzen des Diskurses und der politischen Korrektheit testet. Thilo Sarrazin debütiert in beiden Rollen. Er tritt auf als jemand, der die Materie, über die er [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=160&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --></p>
<p style="text-align:justify;"><em>La chronique culturelle en flammes et fumée</em></p>
<p style="text-align:justify;">Es gibt immer wieder saisonale Brandstifter. Da ist der populistische Trommler, der die schweigende Mehrheit hinter sich vereint oder der Rechtsintellektuelle, der die Grenzen des Diskurses und der politischen Korrektheit testet. Thilo Sarrazin debütiert in beiden Rollen. Er tritt auf als jemand, der die Materie, über die er spricht, beherrscht und er bekennt sich zu einem Anliegen, nämlich den, auf Missstände der Integration, insbesondere muslimischer Einwanderer, sowie auf Ursachen und Folgen für unsere Gesellschaft hinzuweisen. Sarrazins Thema kommt daher als ein Beitrag zu einer nachzuholenden Debatte. Tatsächlich werden Integration und Integrationsprobleme ständig diskutiert, und zwar so, wie es demokratische Institutionen eben tun: um- und langwierig für diejenigen, die schnelle und einfache Lösungen bevorzugen. Die Debatte über Integration ist so etwas wie ein ständiges Rauschen im Feuilleton. Wenn da mal jemand richtig Wind macht, dann hat das etwas Erlösendes für alle <a title="Kelek zu Sarrazin" href="http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~E0A47A9BA62F54940957049B1C02B0EDA~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Verkrampften</a>.</p>
<p style="text-align:justify;">Für den mit Statistiken einerseits und einfachen Parolen andererseits aufwartenden Sarrazin hat sich der Wind aber gedreht. Nicht, weil er eine nötige Debatte am falschen Ende angefasst hätte, sondern weil es ihm grundsätzlich nicht um das Thema Integration geht, wie einige wohlwollende <a title="Broder zu Sarrazin" href="http://www.youtube.com/watch?v=Rsz8YtFgVAk&amp;feature=related">Rezensenten</a> immer noch glauben. Ein Tabubrecher stößt eben am besten eine öffentliche Debatte an, die man schon zu lange zu ineffektiv mit leisen Tönen und diplomatischer Vorsichtigkeit führte. Aber Sarrazins Feldzug ist weder auf Dialog noch auf Problemdarstellung aus, sondern auf Spaltung und Denunzierung. Er benennt Gruppen, deren angebliche Unangepasstheit nicht nur das Problem, sondern auch die Schuld der Unangepassten ist. Das ist eine perfide Konstruktion, weil es diejenigen, die unter der Nichtintegration leiden, zum Sündenbock ihres Versagens stempelt.</p>
<p style="text-align:justify;">Sarrazins Konstruktion geht aber weiter. In den Feuilletons rauschte es besonders, wenn es um die Ursachen der mangelnden Integration ging. Zunächst gibt Sarrazin eine &#8216;Definition von Außen&#8217;: Besonders die muslimischen Einwanderer haben sich nicht integriert. Daran sei nicht etwa der ethnische Hintergrund schuld, wohl aber doch die Religiosität. Eine rechts-konservative Forderung wäre dann logischerweise, dass Einwanderer diese äußere Hülle an islamischer Habitualität abstreifen sollten, um sich besser zu integrieren. Das funktioniert nicht bei Sarrazins zweiter &#8216;Definition von Innen&#8217;: Die Rolle der Erbanlagen legen Integrationsleistungen weitgehend fest, da nach seiner Auffassung Erbfaktoren die Intelligenz größtenteils determinieren. Wie auch immer man diese beiden Definitionen im Einzelnen kommentieren mag, sie vergegenwärtigen uns das Dilemma, in welchem sich die Juden nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten befanden: Weder Assimilation noch Integration konnten sie davor bewahren, von innen heraus definiert zu werden. Sie hatten letztlich nicht die Möglichkeit mit der Aufgabe einer nichtkonformen Habitualität auch das Risiko der Verfolgung abzustreifen.</p>
<p style="text-align:justify;">Sarrazin betreibt aber nicht nur Hetze, sondern er verändert auch den Diskurs. Der diskursive Effekt des Provozieren ist, dass (für ein linksliberales Verständnis) vormals problematische Begriffe wie Leitkultur und Parallelgesellschaft als etablierte Standards zurück gelassen werden und die von ihnen repräsentierten Inhalte nun gar nicht mehr zur Debatte stehen. Sie sind nun im Gegenteil diskursiver Ausgangspunkt für weitere Argumente gegen unliebsame Einwanderer.</p>
<p style="text-align:justify;">Jedem, der eine Gruppe als negativen Bedeutungsträger ausmacht, stehen, insbesondere bei materieller Spaltung und mangelnder Chancengleichheit in einer Gesellschaft, viele Unzufriedene als Empfänger seiner Botschaften zur Verfügung. Überall dort, so der Soziologe Wilhelm <a title="Heitmeyer zu Sarrazin" href="http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/interview-der-woche/-/id=659202/nid=659202/did=6633964/rps7oj/index.html">Heitmeyer</a>, wo sich eine bedrohliche Erosion der gleichen Chancen, der demokratischen Institutionen, der Mitbestimmung, der Solidarität und der Anerkennung vollzieht, werden Gruppen schnell als implizite Übeltäter, als Objekte des Neides oder des Misstrauens gefunden. Eine entsprechende Berichterstattung, die Ehrenmorde, den Import mafiöser Strukturen und eine hohe Ausländerkriminalität betont, hilft solchen Identifizierungen. Wenn etwas in der Gesellschaft nicht stimmt, dann sind die Gründe nicht unpersönlich-strukturell, sondern sie sind personalisiert. Schuldfragen, die meistens komplex sind, werden auf einfache Quellen der Schuld reduziert. Auch hier mag die Erinnerung an jene einfache Schuldzuweisung helfen, die in der nationalsozialistischen Pointe zum Ausdruck kam: &#8216;Die Juden sind an <em>allem</em> schuld&#8217;.</p>
<p style="text-align:justify;">Nach Heitmeyer gibt es ein rechtspopulistisches Potential von 20 % in der Bevölkerung. Sarrazin schafft aus der Mitte heraus Anknüpfungspunkte an rechte Affektionen und bürgerliche Überfremdungsängste: Sein Buchtitel verweist gleich zweimal direkt und indirekt auf Deutschland („Deutschland“, „unser Land“). Der Konnex ist das Nationale, die Geburtsidentität, nicht etwa eine Gemeinschaft, die sich über andere Werte definiert. In seinem Buch wird dann konsequenterweise ein rechter Maßnahmenkatalog für Migranten aufgeblättert: Integrationspflicht, Arbeitspflicht, Kopftuchverbot, eine Datenbank für Einwanderer, Zuwanderungsrestriktionen und hohe Einbürgerungshürden. Zuwiderhandlungen werden durch Entzug der finanziellen Sicherung sanktioniert.</p>
<p style="text-align:justify;">Es ist interessant, dass der Brandstifter Sarrazin nicht nur sein Buch sprechen ließ, sondern vorher mit Auszügen und begleitenden Thesen durchs Feuilleton rodete. Es gehört zur Darstellungsfigur des Populisten, die Rezipienten zunächst mir einigen starken Thesen zu ködern, dann aber, wenn die Debatte undifferenziert verläuft, als Unverstandener dazustehen und auf das Buch zu verweisen. (Wers nicht gelesen hat, kann nicht mitreden.) Erst nach und nach kann das Feuilleton die Details des Buches verdauen und wiederum differenziert kritisieren. Bis dahin ist viel Zeit vergangen und das, was in `provozierenden Thesen zur Lage der Nation&#8217; durch den Äther ging, hat sich schon in den Köpfen festgesetzt.</p>
<p style="text-align:justify;">Was nach dem Brand bleibt ist stickiger Qualm und damit hat Sarrazin die Atmosphäre des Miteinander vergiftet.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/gallisto.wordpress.com/160/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/gallisto.wordpress.com/160/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/gallisto.wordpress.com/160/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/gallisto.wordpress.com/160/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/gallisto.wordpress.com/160/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/gallisto.wordpress.com/160/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/gallisto.wordpress.com/160/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/gallisto.wordpress.com/160/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/gallisto.wordpress.com/160/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/gallisto.wordpress.com/160/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/gallisto.wordpress.com/160/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/gallisto.wordpress.com/160/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/gallisto.wordpress.com/160/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/gallisto.wordpress.com/160/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=160&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Kaltstart ins neue Leben</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Aug 2010 19:29:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Probleme bei der Unterbringung zweier Freiburger Ex-Sicherungsverwahrter Wegen der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg werden zahlreiche Sicherungsverwahrte in der Freiburger JVA auf ihre Entlassung vorbereitet. Schon vor zwei Wochen wurden zwei ältere Häftlinge umgehend entlassen und unter Führungsaufsicht mit Polizeiüberwachung gestellt. Die Suche nach einer Unterbringung gestaltete sich schwierig. Für zumindest [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=156&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --></p>
<p style="text-align:justify;"><em>Probleme bei der Unterbringung zweier Freiburger Ex-Sicherungsverwahrter</em></p>
<p style="text-align:justify;">
<p style="text-align:justify;">Wegen der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg werden zahlreiche Sicherungsverwahrte in der Freiburger JVA auf ihre Entlassung vorbereitet. Schon vor zwei Wochen wurden zwei ältere Häftlinge umgehend entlassen und unter Führungsaufsicht mit Polizeiüberwachung gestellt. Die Suche nach einer Unterbringung gestaltete sich schwierig. Für zumindest einen von ihnen gab es eine „Serie von Ablehnungen“ durch soziale Einrichtungen, teilte Andreas Ruder, Leiter der JVA Freiburg, mit. Dort sitzen 57 Gefangene ein, darunter fast alle Sicherungsverwahrten Baden-Württembergs. Man befürchtet eine „Entlassungswelle“, wie lokale Medien suggerieren. Die zu entlassenen Häftlinge würden besonders vorbereitet, da sie nach der langen Verwahrung grundlegende Fähigkeiten der Alltagsbewältigung lernen müssten.</p>
<p style="text-align:justify;">
<p style="text-align:justify;">Dass schon zwei Häftlinge entlassen wurden, andere noch warten, ist nicht ungewöhnlich. Die Entscheidung des EGMR wird von den Oberlandesgerichten unterschiedlich gehandhabt. So kam es bundesweit sowohl zu umgehenden Entlassungen als auch zur Behinderung von Entlassungen, zweimal sogar durch eine einstweilige Anordnung des Bundesverfassungsgerichtes. In Freiburg sieht man sich gezwungen, eine umfassende Überwachung der Ex-Häftlinge sicherzustellen. Denn in einem Fall wird nach Aussagen eines Gutachtens eine anhaltende Gefährlichkeit bejaht. Polizeidirektor Berthold Fingerlin teilte mit, man werde dem Sicherheitsbedürfnis der Bürger gerecht, es seien umfassende Polizeikräfte abgestellt. Alle Betroffenen zeigen sich in höchster Alarmbereitschaft. Andererseits hat man die Gefährlichkeit des Entlassenen selbst heraus posaunt. Andreas Ruder sagte, dass in den letzten Jahren fünfzehn Sicherungsverwahrte auf „ordentlichem Wege“ entlassen worden seien, also auch so, dass Bürger nicht beunruhigt wurden. Warum die Freiburger jetzt so ein Trara machen und die eigene Hilflosigkeit und Überlastung zur Schau stellen?</p>
<p style="text-align:justify;">
<p style="text-align:justify;">Die Entscheidung des EGMR hat nicht nur zu überstürztem Handeln geführt, sondern auch zu einer Debatte darüber, wie man eine neue Praxis der Sicherungsverwahrung rechtlich ausgestalten könne. Als Ersatz für die Androhung der nachträglichen Sicherungsverwahrung kommt für viele Sicherheitsbefürworter besonders die Elektronische Fußfessel (EFF) in Frage. Berthold Fingerlin äußert sich skeptisch zur EFF wenn es darum ginge, Entlassene vor einem Rückfall und vor der Begehung neuer Straftaten zu schützen. Das Electronic Monitoring wird in Freiburg bereits in Pilotprojekten als „Sanktionsalternative“ unter der Ägide des Freiburger Max Planck Instituts praktiziert, angeblich, um einmal den „Stand der Reformbemühungen übergreifend bilanzieren“ zu können.</p>
<p style="text-align:justify;">
<p style="text-align:justify;">Für die Entlassenen kommt die EFF aber nicht in Betracht, denn ihre Strafe ist bereits verbüßt und ihre Kontrolle ist mit der Führungsaufsicht gegeben. Und es scheint noch ein langer Weg, bis die EFF ein regulärer Teil der Führungsaufsicht wird. Denn auch hier müsste klar werden, wann die Strafe endet und wann nicht. Die nachträgliche Sicherungsverwahrung war ja gerade aus diesem Grund gekippt worden: Die Verwahrung war für den Häftling nicht von der Strafe zu unterscheiden gewesen. Auch für einen Straftäter, der seine Strafe gerade verbüßt, wird nicht klar, wann der Hausarrest mit der EFF endet und wann die Freiheit anfängt. Das Electronic Monitoring schafft eine Quasi-Haft. Für den Entlassenen, der seine Haft verbüßt hat, ist das noch gravierender: Die EFF zu einem Instrument der Resozialisierung zu machen, um gleichzeitig dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung entgegen zu kommen, lässt seine Freiheit niemals anfangen. Er weiß nicht, wann sein eigenes, neues Leben mit seiner eigenen, neuen Verantwortung beginnt.</p>
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		<title>Versuch über die Buch-Box</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Aug 2010 16:22:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gallisto</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>

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		<description><![CDATA[Automat und Buch, A und B, damit beginnt das Alphabet. In diesem Sinne trifft sich hier nur Zusammengehöriges. Vor geraumer Zeit hat der Hamburger Automatenverlag den Vertrieb von Büchern über zwei Buchautomaten aufgenommen. Was einem dazu nicht alles einfiele! Sich ein Buch aus dem Automaten zu ziehen &#8211; verheißt das nun so etwas wie einen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=gallisto.wordpress.com&amp;blog=8672144&amp;post=130&amp;subd=gallisto&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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<p style="text-align:justify;">Automat und Buch, A und B, damit beginnt das Alphabet. In diesem Sinne trifft sich hier nur Zusammengehöriges. Vor geraumer Zeit hat der Hamburger <a title="HH Buch-Automaten" href="http://www.automatenverlag.de/Blog/?page_id=22">Automatenverlag</a> den Vertrieb von Büchern über zwei Buchautomaten aufgenommen. Was einem dazu nicht alles einfiele! Sich ein Buch aus dem Automaten zu ziehen &#8211; verheißt das nun so etwas wie einen Niedergang des Buches, das zur schnellen Ware eines lässigen Konsums geworden ist? Lauern am Ende der Entwicklung gar Bücher in Konserven, in denen, von den Donna Leons bis zu den Susan Sontags, alles gleichermaßen eingemacht ist? Oder läuten die zwei Hamburger Automaten im Gegenteil eine neue Lesegesellschaft ein, deren Lesestoff rund um die Uhr zur Verfügung steht und mit einem einfachen Handgriff für wenig Geld zu haben ist?</p>
<p style="text-align:justify;">Aber zunächst ist es nichts Ungewöhnliches, dass auch die Suche nach einfachen und billigen Vertriebswegen bei der Ware Buch, die es nun einmal ist, nicht Halt macht. Gefühlte Rangdifferenzen, die einen bei solchen Begriffspaaren wie Kunst und Kiosk oder Buch und Automat überkommen, lassen sich doch vereinbaren, da sich das so verkaufte Buch ja nicht ändert. Nach seiner langen Entwicklung vom Papyrus zum Codex zum gebundenen Buch und nunmehr zum eBook bleibt das Buch aus dem Automaten das, als was wir es kennen. Nur seine Position innerhalb des Vertriebs ändert sich. Heißt das aber doch einen Verlust der Aura des Buches im Zeitalter seiner Automatisierbarkeit?</p>
<p style="text-align:justify;">Zunächst einmal nehmen Automaten einen großen Teil unseres Leben ein; sie sind sozusagen künstliche Personen, denen gegenüber wir auch die menschlichsten Affekte zeigen, manchmal werden wir selbst sogar zu &#8216;Automatschiks&#8217;. Wir sprechen mit Automaten, hämmern auf sie ein, streicheln sie, flehen sie an und beschimpfen sie. Sie sind aus dem Alltag nicht wegzudenken, ebenso wenig wie unser automatisches, routiniertes Handeln. Eine ganze Biodiversität von Automaten hat sich bereits herausgebildet. Unser Leben ist voll von Kaugummi-, Zigaretten-, Getränke-, Bank-, Spiel-, Paket-, Parkschein-, Fernleihe-, Fahrkarten- und nun eben auch Buchautomaten. Zwischen uns und den Automaten besteht ein Geben und Nehmen. Immer aber hat das Medium Automat das, was es uns gibt, seinen inneren Strukturen (Kompaktheit, Mechanik etc.) angepasst. Und auch der Buchautomat formt das Buch, er verkleinert es zum Pocket-Buch. Das ist eine gewitzte Form, das Gegenstück zum Folianten, als den die Hochkultur die prätentiöse, oft auch repräsentative Form des Buches ansieht.</p>
<p style="text-align:justify;">Erst in letzter Zeit lernen Automaten dazu. Sie nehmen nicht nur unsere Münzen an, sondern wir können auch Pakete aufgeben, Bücher der Bibliothek zurück verantworten, Banknoten einzahlen. Das deutet eine Entwicklung zum Tausch-O-Mat an. Man stelle sich einen solchen Buchautomaten vor, in den man Bücher einzahlt, um dafür ein anderes zu erhalten. Stünde im Hintergrund eine Buchbank, eine Schriftwährung, wir könnten die bibliokratische Republik ausrufen. In einer solchen Bibliokratie wären Buchautomaten nichts Außergewöhnliches mehr. Und es bestünde auch kein Unterschied mehr zwischen dem &#8216;Kult des Buches&#8217;, dem eine gewisse Bibliophilie und ein bestimmter Intellektualismus anhängt, und dem &#8216;Kommerz des Buches&#8217;. Kult und Kommerz (das Wort &#8216;Messe&#8217; hat sich für beide Haltungen zum Buch erhalten) wären nicht mehr signifikant verschieden. Vielleicht machen die Buchautomaten einen Anfang.</p>
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