Vereinfachungen

Eine Theorie, die das Partnerverhalten von Frauen und Männern an eine sozial-biologische Hypothese bindet, beschwert sich mit Konzepten, die selbst wieder erklärungsbedürfig sind und jeweils ihre eigenen Theorien erfordern. Ich zitiere beliebig aus einem Online-Blog (wortgleich mit einer Wikipedia Passage), der wissenschaftliche biologistische Thesen wiedergibt: „Nach Buss und Schmitt (1993) [Sexual strategies theorie: An evolutionary perspective on human mating. Psychological Review, 100, S. 204 - 232] entwickelten sich bei Frauen vor allem Präferenzen, die einen Mann als Ernährer und Beschützer kennzeichnen, unter anderem den sozialen Status eines Mannes und die Ressourcen, über die er verfügt. Im Vergleich zu Männern sollen sich Frauen zu Partnern hingezogen fühlen, die ein nonverbales Dominanzverhalten zeigen. Insbesondere sollen hochgewachsene Männer mit athletischem Körperbau als attraktiv gelten, wichtiger seien jedoch Merkmale, die auf Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz hinweisen (Vermögen, berufliche Position, Statussymbole). Frauen könnten aufgrund Schwangerschaft und Stillzeit schwerer Ressourcen anlegen und bevorzugen daher ältere, wohlhabendere Partner mit hohen sozialem Status, der eine Familie langfristig ernähren kann (maximale Versorgungsleistung). Männer hingegen sollen kulturübergreifend die physische Erscheinung und Attraktivität von Frauen höher einschätzen, die einen hohen Reproduktionswert und Fruchtbarkeit der Partnerin vermittelt, das heißt sie würden Frauen mit hohem reproduktivem Wert bevorzugen, da diese zeitlich befristet sei (maximales Fortpflanzungspotential). Männer würden instinktiv den reproduktiven Wert der Frauen nach dem physischen Erscheinungsbild, d. h. Körperbau, glatte Haut, glänzende Augen und nach dem Verhalten, z. B. körperliche Aktivität und Gestik bewerten.“

An einer solchen Auffassung ist fast alles problematisch. Die Kernbehauptung, dass Frauen und Männer verschiedene Partnerwahlstrategien haben, die sie angesichts biologischer und sozialer Evidenzen bzw. Annahmen über das jeweils andere Geschlecht, ausführen, wird durch kleinere Hypothesen und implizite Vorannahmen gestützt. Wenn es heißt, „Frauen [entwickelten] vor allem Präferenzen, die einen Mann als Ernährer und Beschützer kennzeichnen, unter anderem den sozialen Status eines Mannes und die Ressourcen, über die er verfügt“, dann ist schon vorausgesetzt, dass Frauen den sozialen Status und die Ressourcen ermitteln können. Doch wie soll das geschehen? Was ist, wenn sie an einen Hochstapler geraten, der ihnen finanziellen Reichtum, solide Immobilien, Diplomabschluss, Sportlichkeit und auch sonst allgemeine Ernährerqualitäten vorspielt? Dass Frauen nach Indizien für den sozialen Status, vielleicht sogar nach solchen für Prestige suchen, ist in der Aussage, dass sie ihre Präferenzen danach ausrichten, schon vorausgesetzt. Diese Voraussetzung stellt jedoch eine Vereinfachung dar; sie ist durch nichts begründet.

Wenn es heißt, „im Vergleich zu Männern sollen sich Frauen zu Partnern hingezogen fühlen, die ein nonverbales Dominanzverhalten zeigen“, dann wird nicht gesagt, worin dieses besteht, wie es von der Frau wahrgenommen wird, wie es sich von der männlichen Aggressivität unterscheidet, bei der man davon ausgehen müsste, dass die Frau sie meidet. Es ist auch die Frage, wen der Mann dominiert (die Frau?, seine Arbeitskollegen?) und wie das geschieht. Überdies ist die Frage, ob in einer kommunikativen Gesellschaft gerade nonverbales Dominanzverhalten nicht als suspekt angesehen wird und der schweigende Mann, der ohne Worte andere dominiert, nicht eher ein schizotymer Fall für den Psychiater ist.

Neben der These, dass für die Partnerwahl der Frau der soziale Status des Mannes von Bedeutung sei (obwohl sich täglich Frauen mit armen Männern verbinden), trumpft der Text anschließend mit biologischen Erklärungsversuchen auf: „Insbesondere sollen hochgewachsene Männer mit athletischem Körperbau als attraktiv gelten, wichtiger seien jedoch Merkmale, die auf Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz hinweisen (Vermögen, berufliche Position, Statussymbole).“ Nicht nur, dass Attraktivität ein soziales und wandelbares Konstrukt ist, auch Reife, Intelligenz, Verlässlichkeit und Ehrgeiz sind es. Sie sind dazu noch eingebettet in eine soziale Umgebung – Reife ist etwas anderes unter Abiturienten als in einem Altherrenclub und Intelligenz etwas anderes unter Politikern als unter Teilchenphysikern, Kriminellen, Sozialarbeitern oder Angehörigen einer freien Community.

Wie so oft fungieren dann auch Schwangerschaft und Stillzeit der Frau als Erklärungsgrößen bei der Darstellung der langfristigen Bindungsstrategien von Frauen, obwohl sie selbst jeweils erklärungsbedürftig sind, da die soziale Rolle der als ‘biologische Konstanten’ angesehenen Gestation und Laktation sehr unterschiedlich ist. Es heißt im Text: „Frauen könnten aufgrund Schwangerschaft und Stillzeit schwerer Ressourcen anlegen und bevorzugen daher ältere, wohlhabendere Partner mit hohen sozialem Status, der eine Familie langfristig ernähren kann (maximale Versorgungsleistung).“ Wenn man nicht sagt, um welche Ressourcen es sich handeln soll, dann ist der Satz selbstverständlich so vage, dass er nichts aussagt. Heißt das, Frauen können angesichts der Ausfallzeit (doch ist sie das wirklich?) keine materiellen oder immateriellen Güter anlegen? Heißt das, sie können sich während der Kindesversorgung nicht stärken, ihre Reproduktionskraft nicht erhöhen, nicht selbst materielle Sicherheit für sich und das Kind schaffen? Das ist völlig unklar. Schwangerschaft und Stillzeit werden unter dieser (ökonomischen) Sichtweise als solche entwertet. Man sagt gar nicht, dass die Frau ja gerade eine Ressource schafft, indem sie das Kind austrägt und ernährt, dass sie vielleicht doch ihre Widerstandskraft stärkt, dass sie die Zeit der Versorgung nicht als ausgefallene Zeit ansieht. Man stellt lediglich ihre Abhängigkeit während dieser Phase fest und demzufolge ein Schutzinteresse, das in einer spezifischen Partnerwahl resultiert. Aber Abhängigkeit ist immer relativ; dass die Frau von einem männlichen Partner ausgehalten werden muss soll nur legitimieren, dass sie in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung verharrt, während es so unterschiedliche Sexual-, Lebens- und Versorgungsgemeinschaften gibt, die das bürgerliche Paradigma von Ehe und Familie sprengen. Die ökonomisch-biologische Betrachtung ist selbst borniert.

Doch gerade in einer ökonomischen Betrachtung, die nicht borniert wäre, könnte man sehen, dass das Kind auch eine Investition ist. Das ökonomische Denken sieht nur die Investition ist das Kind, die die Mutter als Primärperson leisten muss, die aber der Vater durch seine Kraft und Ernährerfunktion (wenn nicht sogar durch seine ‘nonverbale Dominanz’) unterstützt. Dass es eine Frauengemeinschaft sein kann, die die Mutter unterstützt, oder dass es eben andere Männer sind, die für die Frau diejenigen Ressourcen beibringen, die sie angeblich aus Verhinderung nicht selbst anhäufen kann, wird gar nicht in Erwägung gezogen. Alles verharrt in einem bürgerlichen Modell von Sozialbeziehungen – und auch in Fantasien des Vorgesellschaftlichen, wo die Frau häuslich-sesshaft ist, der Mann aber ein promiskuitiver Nomade, den die Frau binden muss (was selbstverständlich nichts weiter als ein bürgerlicher Sexismus ist).

Dann heißt es im Text weiter: „Männer hingegen sollen kulturübergreifend die physische Erscheinung und Attraktivität von Frauen höher einschätzen, die einen hohen Reproduktionswert und Fruchtbarkeit der Partnerin vermittelt, das heißt sie würden Frauen mit hohem reproduktivem Wert bevorzugen, da diese zeitlich befristet sei (maximales Fortpflanzungspotential).“ Attraktivität ist jedoch keine starre Größe und der ständige Versuch, sie an objektive körperliche Merkmale zu binden, tilgt nicht ihre subjektive Seite. Was attraktiv ist ist auch Sache der Mode, des individuellen Geschmacks. Kulturübergreifend kann der Wunsch der Männer nach attraktiven, ‘gebärfreudigen’ Frauen schon deshalb sein, weil er individuell ist und deshalb in vielen Facetten auftritt, die sich nicht als einer Kultur zugehörig beschreiben lassen. Doch das heißt nicht, dass diese kulturübergreifend wären, wie das von anthropologischen Konstanten behauptet wird.

Ganz merkwürdig wird der Text jedoch, wenn es heißt: „Männer würden instinktiv den reproduktiven Wert der Frauen nach dem physischen Erscheinungsbild, d. h. Körperbau, glatte Haut, glänzende Augen und nach dem Verhalten, z. B. körperliche Aktivität und Gestik bewerten.“ Der Instinkt als etwas Natürliches wird als Erklärung innerhalb einer biologischen These eingeführt, was dasselbe ist, als würde man in einer Theorie über Evaporation davon sprechen, dass in diesem Prozess Wärme eine wichtige Rolle spielt. Doch der Instinkt ist etwas, wovon wir wenig wissen. Er ist keine Erklärungsgröße, sondern er ist selbst eine große Unbekannte. Instinkt beschreibt einfach einen Antrieb; wir wollten doch aber wissen, was die Partnerwahl von Frauen und Männern antreibt, wie sie motiviert wird und wie bestimmte Partner-Entscheidungen zustande kommen. Im Text suggeriert das Wort ‘instinktiv’ einen Automatismus, eine epistemologische Fähigkeit der Männer, gewisse Evidenzen hinsichtlich des reproduktiven Wertes der Frauen nach ihrem „physischen Erscheinungsbild“ zu erlangen. Dabei ist völlig unklar, was ein ‘reproduktiver Wert’ überhaupt sein soll. Das Wort Wert setzt eine Messskala voraus, innerhalb der der Wert signifikant wird. Eine solche Skala wurde aber nicht eingeführt, nicht einmal in der einfachen Weise, dass man die durchschnittliche Geburtenrate einer Gesellschaft auf eine Frau umrechnet.

Man sieht, dass der Text eine Hauptthese enthält und dass diese anhand nicht weiter explizierter Annahmen gestützt wird. Diese Annahmen werden dem Leser geboten als etwas, was schon klar ist. Sprachlich vermittelt der Text Kompetenzen, indem er Worte wie ‘Wert’, ‘nonverbales Dominanzverhalten’ und ‘Ressource’ verwendet – Worte, die gewichtig daher kommen und die ihre Faszination vom jeweiligen Wissensgebiet erhalten, denen sie entstammen. Geht man inhaltlich auf den Text ein, so wird man den einfachsten Thesen seine Skepsis entgegen bringen müssen. Hier bietet sich die These an, dass Männer die reproduktiven Leistungen einer Frau an ihrem äußeren, physischen Erscheinungsbild erkennen und hinsichtlich ihrer eigenen reproduktiven Zielvorgabe bewerten können. (Dass sich Menschen fortpflanzen wollen scheint als Generalthese über dem ganzen Text zu schweben, wo es doch viele Menschen gibt, die dies nicht wollen.) Ein Mann, der eine Frau betrachtet, und von ihrem Äußeren auf ihr Inneres, von ihren physischen Merkmalen auf ihre Reproduktionsleistung schließen soll, wird sich den üblichen semiologischen Problemen gegenüber sehen, die eintreten, wenn man etwas Unsichtbares von etwas Sichtbaren ablesen will. Wie wird der Mann entdecken, dass der Eileiter der Frau, die er angesichts äußerer Attraktivitätsmerkmale (wie üblicherweise ausgeprägte Wangenknochen, breites Becken etc.) bevorzugt, durch eine Infektion von Chlamydien verklebt und daher dysfunktional geworden ist? Wie soll er überhaupt etwas aussagen können über eine zukünftige Reproduktionsleistung angesichts äußerer Merkmale, die Moden unterliegen, über die man durch Manipulation hinwegtäuschen kann und für die gilt, dass sie nie zuverlässig auf etwas anderes verweisen? Andererseits warum sollten ihm solche Merkmale wichtig erscheinen, wenn er eine Partnerin für sexuelle Begegnungen sucht, bei denen es nicht auf Reproduktion ankommt? Denn unter der Generalthese der strategischen Partnerwahl angesichts des Fortpflanzungstriebs beider Geschlechter werden noch weitere Dimension menschlichen Verhaltens ausgespart. Was ist mit den gewollten Lücken in einer Reproduktionsbiografie? Was ist mit solchem Werbungsverhalten, das auf den sexuellen Genuss ohne kurz- oder langfristige Partnerschaft abzielt? Was ist mit der Lust am Sex bzw. dem Sex als Lifestyle-Vergnügen, der Attraktivitätsmerkmale, sozialer Status oder gar Ressourcen des Partners gar nicht in den Blick nehmen muss? Denn der Fortpflanzungstrieb, wenn es ihn denn geben sollte, kann von Individuen derart instrumentalisiert werden, dass sie ihrer individuellen Lust und nicht dem reproduktiven Kollektiv gilt. Das ist etwas, was wir jeden Tag erleben, während ein strategisches Partnerverhalten nicht sichtbar ist.

Aus diesem Grund soll die strategische Partnerwahl ein unbewusstes Kalkül sein. Aber ein Kalkül setzt eben Berechnungsweisen und diese solide Informationen voraus. Informationstheoretisch und ökonomisch kann man zwar Modelle erstellen, die einige Strategien der Partnerwahl vorstellen, aber diese Strategien sind mit so vielen Annahmen verbunden, dass die Erklärungsmodelle holzschnittartig bleiben. Denn wenn es wahr sein soll, dass Männer und Frauen gegenseitig den reproduktiven Wert beim Anblick des potentiellen Partners ermitteln können, so setzt das eine Theorie des Erkennens und Verrechnens der Werte voraus. Und das setzt voraus, dass man erklärt, wie man körperliche Merkmale als Indizes behandeln kann, die dann weitgehend solide Aussagen über zukünftiges Fortpflanzungspotential ermöglichen. Angefangen werden muss aber bei den kleinsten Bestandteilen der Theorie: Was ist Attraktivität? Was ist ein Reproduktionswert und welche Skala setzt er voraus? Welche Zeit meint man, wenn man der schwangeren Frau einen Ausfall bescheinigt? In welchem sozialen Gefüge findet die Schwangerschaft statt? Was ist eine Ressource und welchem Verteilungsparadigma von Ressourcen folgt man? Aber auch ganze Zusammenhänge, die solche biologistischen Partnerwahltheorien vermitteln, sind unklar: Wie lässt sich ein körperliches Merkmal, etwa der notorische ‘markante Wangenknochen’ eines weiblichen Gesichts, in Zusammenhang setzen einerseits mit Attraktivitätsattribuierung, andererseits mit der vermeintlichen Gebärpotenz? Wie also sieht sein Charakter als Zeichen, als Indiz für zukünftige Reproduktion aus? Welchen Sinn hat diese in einer modernen Gesellschaft, in der die Reproduktion nur eine Möglichkeit ist neben anderen Formen des sexuellen Genusses? Man wird einwenden, die zahlreichen Annahmen über weibliche und männliche Partnerstrategien seien empirisch geprüft. Das mag sein, doch kommt es hier auf die verkürzte Darstellung an, die ein breiteres Publikum findet als die elaborierten wissenschaftlichen Darstellungen.

Dann aber geht es auch um die Rahmenannahmen der Wissenschaftler selbst, die auf schon Vereinfachtes zurückgreifen oder sogar auf Vorurteile, wie etwa den Vorrang heterosexueller Partnerschaften nicht nur bei der unabdingbaren heterosexuellen Fortpflanzung, sondern auch bei der Versorgung. Eine mögliche Variabilität der Sozialbeziehungen wird gar nicht in den Blick genommen: Wenn Partner einander die jeweils gesunden Individuen wählen heißt das nicht zwangsläufig, dass der männliche Part zugleich die Versorgungsleistung erbringen muss. Das kann auch eine Gemeinschaft leisten, die ganz anderes zusammengesetzt ist als aus bloß heterosexuellen Partnerschaften und Familien, also die beiden zentralen reproduktiven Nuklide einer bürgerlichen Gesellschaft. Worauf es hier ankommt ist die implizite Annahme, dass unsere Gesellschaft in reproduktiver Hinsicht die beste aller möglichen Gesellschaften ist.

Die im Text am häufigsten vorkommende Vereinfachung ist das Unaufgelöstlassen zentraler Begriffe. Der Begriff Ressource kann tatsächlich alles bedeuten – materielle und immaterielle Güter, Ressourcen an Kraft, Zeit, geistigen Potentialen, Gesundheit etc. Es ist klar, dass der Besitz solcher Ressourcen jedem attraktiv erscheinen muss, nicht nur zwischen den Geschlechtern. Doch führt man den Begriff der Attraktivität auch hinsichtlich der Körpermerkmale ein, die allgemein als schön gelten, dann hat das Wort Attraktivität plötzlich schon einen doppelten Sinn, es ist nicht mehr präzise. Der Gedanke, ein attraktiver und wohlhabender Mann wecke im Unterschied zu einem Loser das Interesse von Frauen, hat etwas evidentes, dennoch ist diese Annahme falsch, denn es kommen weitere individuelle und situative Parameter hinzu. Auch den Unterschied zwischen Ressourcen-Armut und Ressourcen-Reichtum bei verschiedener Attraktivität der beiden Männer festzustellen, um eine Wahl zu treffen, dürfte schwierig sein angesichts der vielen Informationen, die es dazu bedarf. Der Text spart diese Schwierigkeiten aus und nutzt vielmehr ein verbreitetes Verständnis von Attraktivität. Er tut so, als sprächen die Begriffe für sich.

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