Psychopath des Feuilleton

Die ersten Reaktionen auf das Doppelattentat von Anders Behring Breivik und auf seine Erklärungen haben eine ganze Welle von feuilletonistischen Mutmaßungen über seinen Geisteszustand, über einen mutmaßlichen Wahnsinn, über eine mögliche Psychopathie ausgelöst, wobei eigentlich klar ist, dass sich jede Spekulation aus der Ferne erübrigt, auch wenn man, wie einige Schnellberufene, auf wissenschaftliche Kriterien der Psychopathie rekurriert.

Die besondere Schwierigkeit einer solchen Einordnung liegt eigentlich darin, dass nicht nur Laienurteil und wissenschaftliche Analyse vermengt werden, dass nicht nur kulturelle Konzepte über Wahnsinn, sondern auch wissenschaftlich purifizierte und über alle Kritik erhabene Kriterien miteinander verquirlt werden, insbesondere solche, die uns das DSM und die ICD an die Hand geben oder an die Hand zu geben scheinen. Zunächst einmal waren es die ersten Einordnungen, die sich aus allgemeinen Konzepten des Psychopathischen nährten; so sprach die norwegische Polizei über Breivik von einem ‘blonden Mann mit eiskalten blauen Augen’. Auch Breiviks Anwalt kam nach der ersten Anhörung seines Mandaten zu dem Schluss, Breivik sei offensichtlich ‘geisteskrank’, weil das, was er sagte, für ihn unverständlich sei. Diejenigen, die sich Breiviks Manifest zu Gemüte führten, tappten in das Dilemma, Breivik für psychopathisch oder aber für bloß ideologisch oder aber sogar für rational zu halten. Das diskutierte auch Markus C. Schulte von Drach in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung (Ideologie und Wahnsinn vom 27. 7. 2011), der zunächst einmal eine ganze Reihe von Attentätern und Mördern unterschiedslos als geistesgestörte Gewalttäter aufzählt. Alle hätten solche psychische Beeinträchtigungen, dass sie wohl als in ihrer Persönlichkeit gestört bezeichnet werden könnten. Eine solche Pauschalisierung führt von Drach dann zur Betrachtung von Kriterien zur Psychopathie im DSM und in der ICD und er führt auch Kriterien von Robert D. Hares Psychopathie-Checkliste selektiv vor, wobei er das Gewicht, wie könnte es anders sein, auf den Narzissmus mit dem wichtigen Kriterium der mangelnden Empathie legt. Am Ende des feuilletonistischen Aufwands bleibt von Drach unentschieden: „Alle diese Hinweise auf die Persönlichkeit des Anders Behring Breivik werden die Experten zu deuten wissen. Ihn einfach als Psychopathen zu bezeichnen, als Verrückten oder Verwirrten, ist aber genauso falsch wie davon auszugehen, dass jemand, der so planvoll vorgeht, nicht gestört sein kann.“ Damit ist aber nun mal gar nichts gesagt. Der Hinweis auf bloße „Hinweise“ rechtfertigt keinen ausgiebigen Artikel.

Die Psychopathie steht hoch im Kurs, vor allem dann, wenn es darum geht, normwidrige und vor allem brutale Handlungen einzuordnen. Wir werden fast täglich bewegt von Amokläufen, Attentaten, Sexualverbrechen und Familientragödien und da bleibt es nicht aus, dass man einfache und schnelle Antworten auf die (ebenfalls einfache) Warum-Frage gibt. Doch in jedem Gewalttäter steckt ein individuelles Muster, kein generelles Schema. Wir sind, wenn es um Einordnungen und Erklärungen geht, klassifikationshörig; wir glauben an das DSM und an die ICD wie an Orakel.

Von Drach versucht dann auch Hares Kriterien der Psychopathie, von denen er einige nach der Psychopathie-Checkliste (PCL) wiedergibt, auf Breivik zu projizieren: Er nennt Gefühlsarmut, Unfähigkeit zu Schuldgefühlen, Verantwortungslosigkeit, Egozentrik, mangelnde Empathie und Unfähigkeit zur Planung als einige Verhaltensweisen, die für Psychopathen typisch sein sollen. Da Planungsfähigkeit bei Breivik offenbar durchaus vorhanden war, modelt von Drach die Psychopathie um in eine Soziopathie, von der er sagt, sie sei „eine besondere Form“ der Psychopathie, wobei es sich in der Literatur offenbar nicht einfach so verhält: Die Psychopathie gehört dem großen Komplex der Persönlichkeitsstörungen an. Eine Dimension der Psychopathie ist (neben spezifischen Persönlichkeitszügen) das antisoziale Verhalten, das die ICD-10 als dissoziale Persönlichkeitsstörung und das DSM-IV als antisoziale Persönlichkeitsstörung klassifizieren, wobei freilich F60.2 der ICD „psychopathisch“ und „soziopathisch“ als Störung gleichwertig auflistet. Soziopathie wird dort also nicht als besondere Form der Psychopathie gesehen, sondern als Spezifizierung des Dissozialen. Hinzu kommt, dass Narzissmus in der ICD als Untermerkmal der Persönlichkeitsstörungen (ab F60) aufgelistet wird (dort als F60.8) und im DSM unter der Achse II mit mindestens einem Kriterium präsentiert wird, das sich auch für die antisoziale Persönlichkeitsstörung findet: mangelnde Empathie. Andere Kriterien, die DSM, ICD und das Bild des Narzissmus gemeinsam haben und die nur auf Formulierungsebene verschieden erscheinen, wie etwa ‘Verantwortungslosigkeit’ (DSM), ‘mangelndes Schulderleben’ (ICD) und ‘Failure to accept responsibility for own actions ‘ (PCL für den aggressiven Narzissmus) zeigen, dass manche Kriterien (auf tieferer, sachlicher Ebene) wie Kraut und Rüben durcheinander gehen. Doch vor allem: Empathielosigkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal. Der Mangel an Empathie ist allen drei Klassifikationen gemeinsam. Aber auch auf begrifflicher Ebene sind die eigentlichen, sachlichen Unterschiede nur pseudogenau: Letztlich sind solche Ausdrücke wie antisoziale und dissoziale Persönlichkeitsstörung, Psychopathie und Soziopathie Verlegenheitsformulierungen, denn sie versuchen lediglich die Art und Weise sowie die Ausprägung von unerwünschten Verhalten zu beschreiben. Bei einem solchen Wust von Formulierungen, die die Phänomene jeweils nur teilweise erhaschen, ist es ein Leichtes, einen Täter überhaupt zu klassifizieren. Und es ist auch ein Leichtes, Täter, die kein Mitleid mit ihren Opfern zeigen, diagnostisch über einen Kamm zu scheren, wobei übrigens Mitleidlosigkeit bei jeder Tatausführung als notwendige Bedingung der Tat konzediert werden muss.

Negative Persönlichkeitsmerkmale und insbesondere Persönlichkeitsstörungen sollen nicht nur die Tat verständlich machen, sie sollen nicht nur die Schuldfähigkeit des Täters klären, sondern sie sollen auch geeignete Prognoseindizes sein, da man daran interessiert ist zu erfahren, ob weitere Straftaten vom Täter zu erwarten sind. Da sich situative Merkmale verflüchtigen, etwa starke Affekte, situative Zwänge etc., ist es einfacher, auf die Persönlichkeit abzustellen, die als etwas Stabiles gilt. Der Trick besteht darin, insbesondere die Störungen als überdauernd zu beschreiben. (Das hat eine gewisse Logik, wenn die Persönlichkeit als das stabile Substrat für die accedierte Störung, deren negativer Teil sie wird, angesehen wird.)

Bei Breivik geht es nunmehr darum, eine solche Einordnung zu vollziehen, die allem Rechnung trägt: Seiner brutalen Tatausführung, seiner logistischen Finesse, seinem Manifest, das eine komplexe Ideologie darstellt, seiner Selbstbeschreibung, seiner Biographie und den Straf- und Erklärungsbedürfnissen der Öffentlichkeit. Es zeichnet sich aber jetzt schon ab, dass man Breivik als Psychopathen ansieht; dies scheint auch die gegenwärtige Strategie der Verteidigung zu sein. Zwar legt sich von Drach nicht fest, aber alles scheint für ihn darauf hinzudeuten, dass man Breivik eine gestörte Persönlichkeit attestiert, weil nur so sein Verbrechen mit der Rationalität seiner Planung und diese mit der offenkundigen Mitleidlosigkeit in Einklang zu bringen ist.

Es ist aber schade, dass gerade der mangelnden Empathie eine Vorrangstellung in solchen Fällen gewährt wird, die sich durch besondere Rücksichtslosigkeit und besondere Schwere der Tatausführung auszeichnen. Ersteinmal wird Empathie regelmäßig verletzt bzw. überwunden oder als soziale Kompetenz ausgeblendet werden, wenn jemand gewillt ist, ein Verbrechen zu begehen, sei es ein Handtaschenraub oder ein Massenmord. Zweitens hängt Empathie, insbesondere weil es sich ja um einen sozialen Sensus handelt, von der Nähe des Gegenübers ab, kann also bei solchen Tatausführungen, wo es nicht auf soziale Nähe oder gar auf die tiefere affektive Bindung zum Opfer ankommt, regelmäßig inaktiv sein.

Empathie ist als Kriterium in den Klassifikationen aus verschiedenen Gründen problematisch: Erstens handelt es sich um eine soziale Kompetenz, die, wie oben gesagt, abhängig ist von der Nähe und Ferne des Gegenübers, die also individuell absolut ist, im Sozialen aber durchaus funktionale Züge trägt. Das heißt, man kann sie als individuelle Fähigkeit und Fertigkeit verlangen, aber nicht, dass jemand sie sozialfunktional immer ausgestaltet. Zweitens verbindet sich das wissenschaftliche Kriterium der mangelnden Empathie mit dem kulturellen Topos der Kaltblütigkeit; es wird also sozusagen auch für Laien vermittelbar und ist immer über eine gewisse Art der Stereotypisierung verständlich. Drittens aber ist Empathie schwer messbar; man kann sie in Normalsituationen und insbesondere im Vergleich mit Extremsituationen kaum hinreichend klar beschreiben.

Ein ganzer Wissenschaftszweig hat sich um das Feld der Empathie herausgebildet. Dabei wäre es doch auch eine interessante wissenschaftliche Frage, ob es bei Ausführungen von Straftaten überhaupt um mangelnde Empathie geht oder nicht vielmehr um eine Überwindung der eigenen Angst, etwa um einen Umgang mit akut auftretendem Adrenalin oder anderer hemmender Einflüsse. Aber Mangel an Empathie hebelt schon auf konzeptioneller Ebene dieses Problem einer Überwindung der eigenen Hemmungen (insbesondere der Tötungshemmungen) aus. Das Konzept verlangt nur einen Mangel, nicht eine Zusatzkompetenz, um die vorhandene Sozialkompetenz (Empathie) auszuhebeln. (Wissenschaft ist hier elegant-reduktionistisch.) Empathie als soziale Kompetenz ist insofern auch Gegenstand der Wissenschaft, als dass sie sich wunderbar auf Physiologisches reduzieren lässt (was die Debatte um Spiegelneuronen veranschaulicht).

Doch alle Wissenschaft täuscht nicht darüber hinweg, dass es bei der Empathie nur um die Forderung geht, dass man eben strafbewehrte, normwidrige und asoziale Handlungen unterlässt. Funktionierende Empathie soll so etwas wie eine Garantie für norm- und sozialadäquates Verhalten sein. Aber hier steht die Psychologie, insbesondere die Forensik, nicht auf rationalem Boden. Denn wenn es einfach darum geht, Menschen, insbesondere Straftätern in der Therapie, zu vermitteln, dass sie normwidriges Verhalten unterlassen sollen, so ist das Erlernen und Einstudieren von Empathie nur ein sekundäres, allenfalls die Normeinstellung vermittelndes Ziel. Krass gesagt: Empathie ist transitiv und daher redundant. Es wäre auch allen Psychologen dieser Welt egal, wenn Breivik ein narzisstisches Arschloch, ein im sozialen Sinn unumgänglicher Mensch gewesen wäre: Hauptsache, er hätte kein solches Attentat begangen. Nun aber wird seine Psyche zum Rätsel und die kaltblütige Planung sowie die mangelnde Empathie sollen der Schlüssel sein zur Erklärung seiner Tat. Doch man muss die Vorstellung von Empathie einfach auf eine rationale Grundlage stellen: Empathie ist nicht einfach etwas, was dem Mensch gegeben oder nicht gegeben ist, wie etwa Berichte über Mütter behaupten, die ihre Kinder töten und in Blumentöpfen verscharren. Um etwas über die Empathiefähigkeit beim Einzelnen auszusagen, muss man sich erst einmal die Vielfalt an funktionaler Empathie (potentieller wie praktizierter) vergegenwärtigen: An anderer Stelle habe ich schon von Militärs gesprochen, von denen man einfach erwartet, dass sie kein Mitleid mit dem Gegner zeigen, dass sie sich in einen anderen Menschen eben nicht einfühlen. Funktionale Empathie gibt es aber auch im zivilen Bereich, man denke an den Richter, der fair und unparteiisch sein muss, und der nicht richten könnte, würde er Mitleid mit dem Angeklagten haben, der allein schon für sein Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt werden muss. Oder man denke an Pfleger und Ärzte, die ihre Arbeit nicht tun könnten, würden sie stets mit ihren Patienten mitleiden, oder an die affektive Bindung von Staatsanwälten, Finanziers und Politiker, die ihre Gefühle offenkundig nach Ansprüchen von Nähe und Distanz entwickeln. (Und man denke zuletzt auch an den Forensiker selbst, der keine große Empathie für den vor ihn sitzenden Sexualmörder haben darf, ohne auf seine Professionalität zu verzichten.)

Empathie – das Konzept drückt eine gewisse Romantik aus. Es ist ein Konzept, das sich schnell als überflüssig erweist, wenn man es auf eine rationale Basis stellt, etwa auf die von Menschen geforderte Reziprozität von moralischen und sozialen Einstellungen. Empathie ist nur ein Gefühl im komplexen affektiven Haushalt des Menschen. Als solches geht es funktional in einen Komplex von Gefühlen ein, von denen man glaubt, dass sie die rationalen Forderungen, nicht schlecht behandelt oder gar verletzt zu werden unterstützen. Es ist aber klar, dass man Tätern, die man einseitig, nämlich als kalt beschreibt, eine solche Gefühlskomplexität von vorne herein abspricht. Damit ist letztlich nichts gewonnen. Es bleibt tatsächlich nichts anderes, als Breiviks Tat anhand seiner Gedanken zu verstehen und nachzuvollziehen, genauer genommen anhand des Tat-Gedanken-Konstruktes, denn sein Doppelattentat verweist auf seine politisch-ideologischen Ansichten. Diese können auch klar machen, dass ideologisches, politisches und normales Denken konvergieren. Dies zu erkennen, darin besteht auch eigentlich keine Gefahr. Politisches Denken wird jeher einfach in erwünschtes und unerwünschtes Denken unterteilt, womit freilich ein besonderer Legitimationsdruck für das demokratische Denken entsteht. Breivik ist in erster Linie ein politischer Täter, auch wenn die Gewöhnung an diesen Gedanken schwer fällt. Sein politisches Denken kommt in einem ideologischen Gewand daher und seine Tat in einem psychopathologischen. Es ist aber klar, dass man es sich zu einfach macht, wenn man Breivik einfach als Psychopathen abstempelt. Denn dann hätte er uns nichts mehr zu sagen. Als politisch Denkender muss man sich mit seinen Ansichten konfrontieren und man muss seine eigenen freiheitlichen Überzeugungen rechtfertigen. Das ist übrigens eine weitere Chance für unsere offene Gesellschaft.

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