Gemeinschaften üben im Rahmen sozialer Kontrolle Druck auf ihre Mitglieder aus. Über diesen Druck erzeugen sie erwünschte Verhaltensweisen, zugleich modellieren sie eine bestimmte Homogenität der Gemeinschaft. Auch die Durchsetzung und Tradierung von Werten, Anschauungen und dem, was man für ‘richtig’ hält, wird mittels sozialer Kontrolle bewerkstelligt, wobei dem Druck hier die Rolle der Verstärkung zukommt, wenn eine starke Abweichung von den Erwartungen und Forderungen stattfindet. Dabei ist die Ausübung von sozialen Druck innerhalb der gegenseitigen Kontrolle selbst etwas, was akzeptiert, vermittelt und weitergegeben wird. Die verschiedenen und oft sehr informellen Spielarten der sozialen Kontrolle kennen ebenso viele Unterspielarten der Druckausübung; dabei sind soziale Kontrolle im Allgemeinen und Druckausübungen im Besonderen meist an Positionen und Rollen geknüpft. Das ist ziemlich einfach zu beschreiben: Ein Familienvater übt auf seine Kinder eine andere Art der sozialen Kontrolle und Druck aus als ein Nachbar auf ihn oder ein Lehrer auf die Kinder; und ein Polizist übt einen ganz anderen Druck auf sein Klientel aus. Von den Rollen aber unabhängig ist die Fähigkeit zur sozialen Kontrolle (und Selbstkontrolle) und demgemäß üben wir sie alle irgendwie aus. Grundsätzlich kontrolliert jeder jeden, da jeder an jeden Verhaltenserwartungen und Forderungen richtet und diese auch durchzusetzen bereit ist. Gemäß der individuellen Sozialisation werden Erwartungen und Kontrolle langsam erhöht; das Mitglied wächst in seine gesellschaftlichen Rollen und Positionen hinein. Die damit verbundenen Erwartungen werden zusehend komplexer; sie können zu expliziten Forderungen werden, in denen klar zum Ausdruck gebracht wird, was man will. Auch die Zumutbarkeit der Druckausübung wächst. Zuerst sieht man es einem Kind noch nach, wenn es im Laden stiehlt; man erklärt ihm (meist brüsk), dass man das nicht darf. Später werden die Erklärungen entweder expliziter oder sie fallen weg, je nach dem, ob das Kind in der Lage ist, sich erwartungsgemäß zu verhalten und ob es ihm gelingt, das richtige (d. h. erwünschte) Verhalten aus anderen Informationsquellen zu erfahren. Auf das Mitglied einer sozialen Gemeinschaft können Durchschnittserwartungen treffen bestimmte Verhaltensweisen anzunehmen oder abzulegen. Daneben gibt es spezielle Erwartungen, die einem Mitglied übermittelt werden. Es ist auch klar, dass eine spezielle Erwartung mit der Zeit zu einer allgemeinen Erwartung werden kann: Nachdem man einem Kind beigebracht hat, wie es sich verhalten und was es können soll, ist diese Erwartung für die folgende Zeit generalisiert. Viele Verwandte erkundigen sich bei der Mutter, was man dem Kind schon beigebracht, was es schon gelernt hat. Zunächst muss man ein Mädchen noch darauf hinweisen, dass es beim Sitzen seine Beine zusammennehmen muss, wenn es einen Rock trägt, um sich vor unliebsamen Blicken zu schützen; später ist dies eine Selbstverständlichkeit. Erwartungen und Forderungen können sich auf alle Bereiche des Lebens, auf alle Verhaltensweisen, Handlungen und Ausdrucksformen beziehen: Es gibt die Regeln der Hygiene genauso wie die des Sprechens, des Achtgebens, der Sexualität, der Fürsorge, des erwünschten Denkens und Fühlens, ja sogar der Ignoranz. Die sozialen Regelwerke sind nicht nur sehr flexibel, sondern auch generativ: Selbst Verhaltensweisen, die bisher keinem Reglement unterlagen, können in ein Regelwerk einbezogen werden, so etwa das relativ neue Verhalten von Kindern an modernen, netzwerkfähigen Computern oder von Menschen in neuen sozialen Netzwerken. (Der Erfolg der Regelinstallation hängt wohl auch zu einem guten Teil vom gelungenen Rückgriff auf vorhandene Regeln ab.) Man kann unterscheiden zwischen der synchronen Struktur von Erwartungen und Forderungen, dem Aufbau des Regelwerks, seine Grade der Explikation usw. und dem diachronen Verlauf von Lebensabschnitten, auf die sich das Regelwerk bezieht. Mindestens die Überkreuzung beider ‘Strukturen’ ist hervorzuheben: Stehen am Anfang der Sozialisation oder der Resozialisation implizite Erwartungen und explizite Forderungen, so stehen am Ende unbedingt explizite Regeln und Normen. Der höchste Grad an Explikation sozialen Verhaltens, das verboten oder erwünscht ist, sind die Strafrechtsnormen. Ihre volle Entfaltung können sie nur ab einer bestimmten biographischen Reife erhalten. Hierbei spielt es keine Rolle, dass sie Jedermann einsichtig gemacht sind; sie können jedoch nur denjenigen einsichtig gemacht werden, die über eine bestimmte Art der geistigen und emotionalen Reife verfügen, jedenfalls ab einem bestimmten abstrakten Niveau der Regeln und ihrer Begründung. Unterhalb dieses Niveaus, das man gerne mit moralischer Reife verwechselt, genügt ein praktikables Halbwissen: So weiß jeder, dass die Tötung anderer Menschen verboten ist, aber der Grad an Differenzierung (also das Wissen um Totschlag und Mordqualifizierung, Mordmerkmale, Sanktionsarten etc.) ist bei den meisten Mitgliedern der Gemeinschaft, in der das entsprechende Regelwerk gilt, nicht vorhanden. Dasselbe gilt für den sozialen Druck. Auch diesen übt man eher bei denjenigen aus, die empfindlich auf ihn reagieren, zugleich aber auch verstehen können. Erhöhter Druck auf Kinder beispielsweise wird als unzulässig empfunden. (Aber die Historie liefert uns eindrückliche Beispiele der harten Pädagogik, die in bestimmten Epochen akzeptiert war.) Die Ausübung sozialen Drucks, den ich hier als eine besonders harte Form allgemeiner sozialer Kontrolle ansehen möchte, hat zum Ziel, bereits sichtbares Abweichen von allgemein oder spezifisch erwünschtem Verhalten, insbesondere Normbrüche, zu korrigieren. Hart ist er insofern, als dass er spürbar negativ wirkt, sei es durch psychische oder physische Einbußen, durch soziale Bloßstellung oder durch Freiheitsbeschränkungen (Prügel und Zimmerarrest beim Kind; Freiheitsentzug bei Erwachsenen etc.). Sozialer Druck muss, in welcher Form er auch auftritt spürbar sein. Man spricht in diesem Falle von Sanktionen, die man erleiden muss, mindestens aber von sozialen negativen Konsequenzen, die man dulden muss. Es gibt eine bemerkenswerte Vielfalt der Kontrolle und Arten, diese auszuüben. Die offensichtlichsten Formen treten bei verbaler und nonverbaler Kommunikation auf. So kann man jemanden mit Tadel, Häme, Schweigen, Ausgrenzung, Erniedrigung, Zurechtweisung oder strafrechtlichen Konsequenzen begegnen. Diese Formen sind extrem, kommen aber häufig vor. Sie stehen am Ende eines Kontinuums an Möglichkeiten, auf Abweichungen zu reagieren, und treten selbstverständlich vor allem dort auf, wo Normbrüche allgemein markiert sind. Fast immer steht eine sehr weiche Form der Erwartung am Anfang der sozialen Interaktion. Höflichkeit ist oft einfach eine Minimalerwartung innerhalb dieser. Man soll die Blumen, die einen die Nachbarin zeigt, schön finden. Man soll nicht ins Dekolleté (obwohl zur Verführung und Lenkung des Blicks gemacht) schauen, manchmal lange bevor einem die allgemeine Forderung trifft, freizügige Kleidung anzuerkennen. Der Respekt vor dem Körper ist dabei vorausgesetzt und er besteht bevor das Spiel der Blicke beginnen kann. Dass es nur zu einvernehmlichen erotischen Kontakten kommt schwebt immer im Raum als allgemeine Erwartung zwischen den Geschlechtern. Handlungen, Äußerungen, Blicke, sogar unsere Schweißdrüsen und unsere Wangenröte werden durch situative und generelle Erwartungen gesteuert. Es ist jedem klar, dass es anlassbezogene Erwartungen gibt, die sich etwa im Dresscode und in bestimmten Verhaltensweisen, in Riten und Signalgebungen (bis hin zu den verbalen Floskeln und den unverbindlichen Handlungen) niederschlagen. Anlassbezogene Erwartungen sind meist sehr deutlich, man weiß, was man tun darf, wenn man auf eine Beerdigung oder auf einen Ball geht, wenn man die Schule besucht, eine Prüfung ablegt, einen Behördengang vollzieht oder eine erotische Zusammenkunft hat. Die soziale Vielfalt ist hier außerordentlich und oft schützt einem nur der Blick auf das Verhalten Anderer (mithin die Adaption), um sich korrekt zu verhalten und allen frei schwebenden Verbindlichkeiten gerecht zu werden. (Das erklärt übrigens so manche Sehnsucht nach Freiräumen, nach regellosen Situationen und fast anarchischen Zuständen. Nicht nur der Nudist, der Libertin und der Privatier in seinem Keller mit Modelleisenbahn nutzen die vermeintliche Freiheit, die Spiel- und Auslebemöglichkeiten in Privatbezirken.) Man sieht auf den ersten Blick, dass soziales Leben ein regelgeleitetes Leben ist, in dem man einerseits versucht, sich anzupassen, in dem andererseits zugleich versucht, Freiräume zu gewinnen und dennoch nicht derart deutlich gegen Regeln zu verstoßen, dass man unter harten Druck gerät und missliebige Sanktionen ertragen muss. Soziale Kontrolle und mithin Druck sind konstitutiv für soziales Leben. (Es gibt Menschen, etwa Straftäter, die einer kumulierten Kontrolle unterliegen. Da man ihnen die Selbstkontrolle nicht zutraut baut man mehr Sicherungssysteme in ihre soziale Umgebung ein. Ob dies nun permanentes Misstrauen der Mitmenschen ist oder Gefängniszellen, ob dies Medien sind, die auf den Straftäter hinweisen oder staatliche Stellen, die verschiedene Resozialisierungserwartungen an den Straftäter richten ist hinsichtlich des Prinzips Kontrolle nicht entscheidend. Ein Straftäter wird immer ein bisschen mehr kontrolliert als alle anderen; er muss sich immer ein Stück weit mehr bewähren als alle anderen. Oft unterliegt er einer lebenslangen Legalbewährung. Der spürbare Druck auf ihn ist um ein vielfaches höher, das entsprechende Risiko zu Versagen (Rückfall) entsprechend hoch.) Problematisch werden beide, Kontrolle und Druck, mit Blick auf den Machtcharakter. Soziale Kontrolle und die Ausübung von Druck sind immer auch Machtausübung. Oft genug bedeutet soziale Kontrolle auch das Erringen von und die Verfügung über Mittel der Machtausübung. Eine Gesellschaft ist niemals unschuldig. Weil die Güter und Positionen, Privilegien und Schalthebel, die Zugänge zu materiellen und informationellen Ressourcen und die institutionellen Machtzentren ungleich besetzt sind; weil es immer wieder Menschen und Gruppen gibt, die der sozialen Kontrolle mehr als andere unterliegen; weil Kontrollausübung eher von oben nach unten funktioniert und sich bestimmte Eliten der Kontrolle entziehen; weil das Prinzip des Ausschlusses vielfach auch eine Entrechtung und die Entrechtung ein Ausschluss bedeutet; und weil schließlich die Kontrolle etwas Willkürliches ist und sogar Diskriminierung werden kann – deshalb ist soziale Kontrolle, ist Druckausübung immer auch etwas an sich Problematisches. Es kann sogar sein, dass beide die Heterogenität, die sie ausmerzen wollten, bestärken. Einfach gesagt: Kontrolle ist Machtausübung und daher ist stets nach der Berechtigung, der Legitimität von Kontrolle zu fragen. Insbesondere bei sozialem Druck taucht die Frage nach der Legitimität auf. Sie ist selbst etwas, das dem Dilemma einer hierarchisch verfassten Gesellschaft nicht entgeht, da Legitimation meist schon von herrschenden Kontrollinstanzen erzeugt wird. So legitimiert sich auch sozialer Druck vielfach selbst. Er kann durch die (gesellschaftlich anerkannte) Position des Druckausübenden legitimiert werden oder aber aus der Sache selbst, da ja der Druck gegenüber dem problematischen Abweichen von der Erwartung selbst als unproblematisch gilt. Warum? Wäre die Ausübung des Drucks selbst problematisch, würde er erst gar nicht angewandt, das eigentliche Problem des Abweichens bliebe bestehen. (Eltern, die sich dieser Problematik ihrer Machtausübung nicht bewusst sind, denken, qua Natur zum Prügeln legitimiert zu sein.) Das heißt, dass soziale Kontrolle selbst kontrolliert wird. Und das bedeutet, dass sich soziale Kontrolle immer auf sich selbst bezieht und dass die Grenzen zwischen legitimer und illegitimer sozialer Kontrolle verschwimmen, ebenso die Zuständigkeiten. Da das Netzwerk der gegenseitigen Kontrolle so unübersichtlich ist, da oft nicht klar ist, wer jetzt zu welcher sozialen Kontrolle berechtigt ist, kommt es zu Konflikten, jedenfalls unterhalb der Schwelle klarer Zuständigkeiten, wie sie das Strafrechtssystem zu bieten beansprucht. Da niemand der Kontrolle entgehen kann, da jeder vom sozialen Ausschluss, von sozialer Missbilligung, im Extremfall sogar vom ‘sozialen Tod’ bedroht ist, nimmt man für sich in Anspruch selbst seine Kontrollmöglichkeiten zu erhöhen. Dies ist die Wurzel eines sozialen und höchst dynamischen Wettstreits um Kontrollhoheit und Kontrollressourcen. Viele Anstrengungen des Einzelnen sich im Sozialen ‘über Wasser zu halten’ resultieren aus diesem Wettbewerb, selbst einen legitimen und effektiven Druck ausüben zu können. Aufs Ganze gesehen trägt dieser Wettstreit auch dazu bei, dass eine Gesellschaft härter wird, als sie vielleicht sein müsste.